Die erste Beschreibung der Menschen mit Down-Syndrom
durch John Langdon Haydon Down im Jahre 1866
Knappe vier Seiten (12 * 16 cm) umfasst der Text, der 1866 in den Mitteilungen des London Hospitals erschien und in dem der Arzt John Langdon Haydon Down die Menschen zu beschreiben versuchte, die heute nach ihm als Menschen mit Down-Syndrom bezeichnet werden.
Ausgangspunkt dieser Beschreibung war die Schwierigkeit, die verschiedenen Arten der Geistesschwäche zu unterscheiden und zu ordnen. Dabei werden die Fragen angesprochen, die auch heute noch von den Eltern an den Arzt gerichtet werden:
- Was ist die Ursache?
- Wie sind die Entwicklungsaussichten?
- Ist bei oder nach der Geburt etwas versäumt oder falsch gemacht worden?
- Wie soll sich der Arzt gegenüber den Eltern äußern?
- Welche Vorschläge kann er machen?
Diagnose und Prognose - sie waren und sind damals wie heute nicht einfach vom Arzt den Eltern zu vermitteln; für die Eltern ist dies aber sehr wichtig, weil die erste Information sowohl für zugunsten des Kind motivieren, als auch ein solches uneingeschränktes ";Ja"; unnötig erschweren kann. Mit dieser ersten Information wird die Einstellung der Eltern wesentlich bestimmt.
"Können nun die Klassifizierungssysteme - entweder alle zusammen oder irgendeines davon - dem beratenden Arzt zu einer Meinung verhelfen, die er äußern kann, oder zu Vorschlägen, die er den ängstlichen Eltern machen könnte? Meiner Meinung nach werden sie ihn in dieser Hinsicht völlig im Stich lassen."; So die Antwort von J.L.H. Down auf die oben genannten Fragen.
Aber er versuchte damals, durch die Zuordnung zu ethnischen (völkerkundlichen) Normen eine Klassifizierung zu erreichen und damit aus seiner Sicht ein natürliches System zu schaffen, um die in der Anamnese erhobenen Informationen zu ordnen. Dabei wendet er den Menschen, die heute seinen Namen tragen, besondere Aufmerksamkeit zu und möchte dies auch bei seinen Leserinnen und Lesern erreichen.
Die Gruppen, auf die Down sich bei seiner Einteilung bezog, waren die fünf ethnographischen Klassen, die von Johann Friedrich Blumenbach in einer der Universität Göttingen am 16. September 1775 vorgelegten medizinischen Doktorarbeit dargestellt worden waren. So spricht er von Menschen, die der kaukasischen, der äthiopischen, der malaiischen oder der amerikanischen Abteilung der menschlichen Familie zugeordnet werden können.
Während diese vier Gruppen nur kurz und mit ihren wichtigsten und augenfälligsten Merkmalen beschrieben werden, nimmt die Gruppe, die Down der großen mongolischen Familie zuordnete und als ";Mongolian type of idiocy"; bezeichnete, einen größeren Raum ein.
Neben der Charakterisierung der Menschen mit Down-Syndrom werden hier auch Hinweise für eine Förderung und Behandlung dieser Menschen gegeben. Diese Aussagen sind teilweise auch heute noch aktuell:
";Sie verfügen über eine beträchtliche Nachahmungsfähigkeit, die sogar bis zur Schauspielerei geht. Sie sind humorvoll; ein lebhafter Sinn für das Lächerliche belebt oft ihre Mimik. Diese Fähigkeit zur Nachahmung kann sehr weit gefördert werden. Sie sind gewöhnlich fähig zu sprechen; die Sprache ist heiser und undeutlich, kann aber durch einen guten Übungsplan für Zungengymnastik weitgehend verbessert werden. Die Koordinationsfähigkeit ist abnorm (niedrig), jedoch nicht so geschädigt, dass sie nicht wesentlich gekräftigt werden könnte. Durch systematische Übung kann eine beträchtliche manuelle Fertigkeit erreicht werden.";
";Der Fortschritt, den die Übung bei ihnen bewirkt, geht weit über das hinaus, was man ohne Kenntnis der Eigenart dieses Typs vorhersagen würde.";
In einem 1966 herausgegebenen Nachdruck des Aufsatzes (mit einer Übersetzung von Horst Jahn), dem auch die o.a. Auszüge entnommen sind, schreibt Professor Dr. G. Heese in seinem Nachwort:
";Der Fortgang der wissenschaftlichen Erkenntnis über das Down-Syndrom ist bekannt. Leider hat sich die aus mehreren Gründen unglückliche Bezeichnung ";Mongolismus"; lange Zeit gehalten, und auch gegenwärtig findet sich in der Literatur noch immer die von Down eingeführte. Zu Ehren Downs, dessen bleibendes Verdienst in seiner Erkenntnis vom Nutzen des Funktionstrainings bei der Trisomie 21 gesehen werden kann, sollte man diese Chromosonenabweichung nicht so, wie er sie nannte, sondern nach ihm benennen.";
In über 130 Jahren sind unsere Erkenntnisse so gewachsen, wie es wohl nicht vorherzusehen war.
Menschen mit Down-Syndrom leben mit uns -- wie leben wir mit ihnen?
John Langdon Haydon Down
geboren 1828 in Cornwall
gestorben 1896 in Normansfield
Arzt (1858) in London, Dozent an verschiedenen Krankenhäusern,
Arzt und Superintendent am Earlswood Asyl (1858-1868).
Er wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und tat sich besonders auf psychiatrischem Gebiet publizistisch hervor:
- Über den Zustand des Menschen bei Geistesschwäche (1863);
- Erziehung und Übung der Geistesschwachen (1870);
- Über das Verhältnis der Zähne zu geistigen Krankheiten (1872).
Zu diesen und ähnlichen Themen hat er auch zahlreiche Zeitschriftenaufsätze veröffentlicht.
Weitere Einzelheiten zu J. L. H. Down in: Norbert Pies : John Langdon Haydon Langdon-Down (1828 - 1896) Ein Pionier der Sozialpädiatrie - Eine illustrierte Lebensbeschreibung mit einer Übersetzung der Letsomian-Vorlesung (London 1887) über einige Geisteskrankheiten der Kindheit und Jugend. Karlsruhe, 1996 - ISBN 3-7650-1739-6
Hermann Stüssel