Krankengymnastik / Physiotherapie

Die motorische Entwicklung des Kindes läuft in gewisser Variationsbreite,
aber doch in gesetzmäßiger Folge ab.

Die Motorik (Bewegungssystem) ermöglicht es dem Menschen, sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen. Für das Kind bedeutet die ständige Verbesserung seiner motorischen Fähigkeiten, das Erringen seiner Unabhängigkeit und die Fähigkeit zur Anpassung an soziale Gegebenheiten. Die motorischen Abläufe stehen in unmittelbarer Wechselwirkung zu psychischen und kognitiven Vorgängen. Diese äußern sich fast immer in motorischen Verhaltensweisen; z.B. in der Mimik und in der Körperhaltung und haben somit Signalwirkung auf die Umwelt.

Die Motorik des Säuglings ist abhängig von der Reifung des zentralen Nervensystems. Der Aufbau dieser Reifung ist festgelegt durch genetische Entwicklungsmuster (Reflexaktivitäten) und Reize durch die Umwelt. Sie verlaufen von der Geburt ab an in einer bestimmten Reihenfolge. Diese Reihenfolge ist festgelegt und ermöglicht es dem Menschen, sich gegen die Schwerkraft aufzurichten und das Gleichgewicht zu bewahren.

Wahrnehmen und Bewegen bedingen sich wechselseitig und sind als biologische Einheit zu sehen.

Jeder Bewegungsablauf geschieht unter optimaler Anpassung an äußere Reize. Dabei ist keine Stufe der motorischen Entwicklung ohne die vorhergehende erreichbar. So kann ein genetisch eingeprägtes Muster zusammen mit den Reizen der Umwelt diese Entwicklung, bahnen oder hemmen und zur vollen Entfaltung bringen.

Bei Kindern mit Down-Syndrom ist dieser natürliche Bewegungsablauf verlangsamt. Niedriger Tonus (Spannungszustand der Muskulatur) und schwaches Bindegewebe führen zu überbeweglichen und überstreckbaren Gelenken. Dadurch ist die Stützfunktion der Arme und Beine erschwert. Der Rumpf ";fließt"; weg und erscheint breiter als er ist. Die Bauchlage fällt dem Kind schwer. Der Kopf wird oft nur mit Mühe gehalten. Daher liegt es lieber auf dem Rücken. Das Abheben des Kopfes in der Bauchlage ist aber eine wichtige Voraussetzung für die gesamte Entwicklung: von der Stützfunktion der Arme, Krabbeln und Aufstehen bis zum Stand.

Kinder mit Down-Syndrom erlangen ihre motorischen Fähigkeiten teilweise unter mühsamen Voraussetzungen. Dieses muß nicht sein. Die Krankengymnastik ist in der Lage, Erleichterungen für Kind und Eltern zu bringen.

Dabei ist es für die Eltern wichtig, einen Krankengymnasten zu finden, der eine zusätzliche Weiterbildung auf neurophysiologischer Grundlage absolviert hat und Erfahrung in der Behandlung von Kindern hat.

Die Bobath-Methode

Das Bobath-Konzept orientiert sich an der normalen sensomotorischen Entwicklung des Kindes. Für jedes Kind wird ein individueller Behandlungsplan erstellt.

Die Bobath-Therapeutin vermittelt dem Kind das Gefühl für normale, koordinierte Bewegungsabläufe und festigt diese über Bewegungserfahrung. Tonusregulation, sowie die Bahnung koordinierter Bewegungsabläufe und das Verhindern unerwünschter Mitbewegungen sind eng miteinander verbunden.

In der krankengymnastischen Therapie laufen diese Schritte gleichzeitig ab und passen sich der jeweiligen Situation und Reaktionslage des Kindes an. Zusätzlich zur Behandlung führt der Bobath-Therapeut die Eltern nicht nur in die Behandlung ein, sondern auch in das Bobath-Handling. Dieses Handling beinhaltet die ";Handhabung"; und den Umgang mit dem Kind: z.B. das Hochnehmen, das Herunterlegen, Tragen, An- und Ausziehen. Dabei ist der passende Umgang mit dem Kind gewährleistet vom ersten ";Guten Morgen"; bis zum letzten ";Gute Nacht";.

Das Behandlungsprinzip Vojta

Das komplexe Diagnostik- und Behandlungsprinzip wurde von den Kinder- und Erwachsenenneurologen Prof. Dr. med. Václav Vojta entwickelt.

Auf neuro-physiologischer Grundlage werden Ganzkörpermuster für die Fortbewegung genutzt: Reflexkriechen und Reflexumdrehen. Diese Muster sind global, weil dabei u.a. die Skelettmuskulatur des gesamten Körpers in einer bestimmten, genau definierten Koordination aktiviert wird. Hieran ist das Zentralnervensystem von seiner niedrigsten bis zu seiner höchsten Schaltungsebene beteiligt.

Aus genau bestimmten Ausgangslagen kommt es über die Reizung klar definierter Auslösezonen an Rumpf und Extremitäten zu einer Aktivierung des Zentralnervensystems.

Die Behandlung wird durch Auswahl verschiedener Ausgangsstellungen und durch Kombination und Variation der Auslösungszonen dem Behandlungsziel und den Möglichkeiten des Patienten angepaßt. Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie im Säuglingsalter ist ihre konsequenten Durchführung 4 mal täglich. Bei älteren Kindern und bei Erwachsenen wird die Therapiedosis je nach Behandlungsziel entsprechend verändert.

Der Therapeut ist für den individuellen Aufbau und die Dosierung der Vojta-Therapie sowie für die Anleitung der Eltern (bzw. der Bezugspersonen) verantwortlich.

Psychomotorische Übungsbehandlung nach Kiphard

In der psychomotorischen Übungsbehandlung nach Kiphard werden Entwicklungsreize geboten, die in tätiger Auseinandersetzung mit der Umwelt über Wahrnehmen, Bewegen und Erleben die Persönlichkeitsentwicklung fördern. Innerhalb der Übungsbehandlung erfahren die Kinder Erfolgserlebnisse, die sie mit anderen Kindern teilen. Es geht nicht um die Schwächen, Störungen und Auffälligkeiten des Kindes. Das Kind wird ernst genommen mit seinen Interessen, Neigungen, Stärken, Schwächen, Wünschen und Gefühlen. Dabei finden Zielsetzungen statt im Bereich der

  • Ich-Kompetenz: seinen Körper wahrnehmen, erleben, kennenlernen und mit ihm sinnvoll umgehen können.
  • Sach-Kompetenz: anpassen an die Umwelt, mit ihr umgehen und sie verändern können.
  • Sozial-Kompetenz: sich an andere Menschen anpassen, mit ihnen sinnvoll umgehen und sie verändern können.

Der Aktionskreis Psychomotorik definiert es wie folgt: Förderung der Wahrnehmung einer selbständigen Handlungsfähigkeit, damit das Kind sich sinnvoll mit sich selbst und mit seiner Umwelt (Gegenstände, Materialien, Personen) auseinandersetzen kann. Psychomotorik ist ein Konzept, das durch gezieltes und variiertes Wahrnehmungs- und Bewegungslernen die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit des Kindes fördern will.

Neuromotorische Entwicklungstherapie nach Castillo Morales

Das Castillo Morales Konzept orientiert ebenfalls an der normalen sensomotorischen Entwicklung des Kindes. Professor Rodolfo Castillo Morales hat die neuromotorische Entwicklungstherapie speziell für Kinder mit Down-Syndrom entwickelt und geht besonders auf die niedrige Spannung der Muskulatur ein. Durch die Hand des Therapeuten werden zusätzliche Techniken abgegeben. Das Kind wird ganzheitlich gesehen in allen Entwicklungsbereichen. Die Eltern werden mit in die Therapie einbezogen.

Zu unterscheiden von der Entwicklungstherapie ist die Orofaciale Regulationstherapie von Professor Castillo Morales bei mundmotorischen Störungen, die an anderer Stelle beschrieben wird.

Sensorische Integrationstherapie nach Jean Ayres

Die sensorische Integrationstherapie nach Jean Ayres baut auf den Bausteinen der kindlichen Entwicklung auf. Jean Ayres geht auf die Sinnesorgane ein und auf die Auswirkungen im Verhalten, Sprache, Sehen, Hören und Lernvermögen. Die sensorische Integrationstherapie verbessert das Wahrnehmungsempfinden. Das Kind lernt Sinneseindrücke zu ordnen und zu verarbeiten. Die Verbesserung der sensorischen Integration ist eine wichtige Grundlage für alle Entwicklungsbereiche. Die Therapie setzt demzufolge auch hier an und kann fast spielerisch durchgeführt werden.

Die richtige Wahl

Als Eltern haben Sie es nun schwer, die richtige Wahl zu treffen. Die Wahl des Konzeptes ist auch davon abhängig, welcher Krankengymnast in der Nähe Ihres Wohnortes erreichbar ist. Sie sollten sich nicht scheuen, den Krankengymnasten zu fragen, auf welcher Grundlage er arbeitet. Wenn nötig, sollten Sie ausprobieren, welches Konzept für Ihr Kind und sie als Eltern günstig für die Entwicklung Ihres Kindes ist.

Egal, welche Methode sie für Ihr Kind auswählen; sie ist geprägt von der Beziehung zu Ihrem Krankengymnasten und das Vertrauen gegenseitig. Die Therapie erstreckt sich über einen langen Zeitraum, wobei sich gegenseitiges Vertrauen und harmonisches Miteinander als Vorteil erwiesen haben.

Monika Rösner