Sprachentwicklung und Sprachförderung
bei Kindern mit Down-Syndrom
Als Sprache verstehen wir im allgemeinen die Verständigung durch Worte. Beim Kind sind Sprache und Sprechen wichtige Entwicklungsschritte. Mit Spannung werden die ersten Worte erwartet.
Nur selten machen wir uns klar, welch komplexes Geschehen Sprache und Sprechen überhaupt sind. Die Sprach- und Sprechfähigkeit eines Kindes setzt sich aus vielen verschiedenen, gleichermaßen wichtigen Einzelvorgängen zusammen.
Die Sprachentwicklung beginnt mit der Geburt (die vorgeburtliche Zeit bleibt hier der Einfachheit halber unberücksichtigt) und nicht erst mit den ersten Worten, die das Kind selbst spricht. Damit besteht die Möglichkeit und Notwendigkeit, den Sprachaufbau frühzeitig positiv zu unterstützen!
Wenn wir uns mit der Sprachentwicklung beschäftigen wollen, verdient jeder einzelne Schritt viel Aufmerksamkeit. Im Rahmen eines solchen Textes ist es nicht möglich, auf alle Einzelheiten einzugehen. Es kann hier nur ein allgemein gehaltener Überblick gegeben werden. Aber vielleicht regen Sie die angesprochenen Punkte an, weitere Hilfemöglichkeiten für Ihr Kind zu suchen und zu finden.
Entscheidende Faktoren für den Spracherwerb sind unter anderen: Gehör - Motorik - Sprachverständnis - Sprechfreudigkeit. In allen vier Bereichen brauchen Kinder mit Down-Syndrom besondere Hilfen, auf die jeweils kurz eingegangen wird.
Gehör
Eine gute Hörfähigkeit ist Voraussetzung für den Spracherwerb. Selbst minimalste Hörbeeinträchtigungen können Störungen hervorrufen.
Probieren Sie einmal, einen Tag mit Watte in beiden Ohren Ihre Gesprächspartner deutlich zu verstehen. Sie werden rasch merken, wie unklar und verschwommen einige Wörter bleiben,und wie häufig Sie nachfragen müssen.
Nun ist bei Ihnen die Sprache voll entwickelt, und das meiste können Sie aus diesem gesicherten Sprachschatz zusammensetzen.
Dieses ist aber bei Ihrem Kind nicht der Fall. Sein Wortschatz befindet sich noch im Aufbau, und es kann noch nicht auf fertige Muster zurückgreifen. Minimale Lautunterschiede (z.B. k - t, g - d) werden vom Kind dann oft nicht wahrgenommen und stellen damit große Probleme in der Sprachentwicklung dar.
Es kann deshalb erfahrungsgemäß nicht genug darauf hingewiesen werden, daß Hörprobleme verschiedener Ursachen in Verbindung mit dem Down-Syndrom gehäuft auftreten. Frühestmögliche und regelmäßige Kontrollen beim Hals-, Nasen-, Ohren-Arzt oder in einem audiologischen Zentrum, welches auf diese Untersuchung von Kindern spezialisiert ist, sind unbedingt notwendig. Das persönliche Gefühl, daß das Kind ";gut"; hört, täuscht sehr oft!
Neben der Hörfähigkeit ist ein weiterer bedeutsamer Faktor die sogenannte ";auditive Wahrnehmung und Differenzierungsfähigkeit";. D.h. auch wenn das Gehör vollkommen intakt ist, gelingt es den Kindern nicht immer, Laute auseinander zu halten oder zuzuordnen. Besonders ähnlich klingende Laute, wie z.B. k - t, g - d, werden dann vertauscht und Beeinflussen die Verständlichkeit der Sprache.
Hier bieten sich für Eltern im Alltag viele spielerische Möglichkeiten an, dieses mit dem Kind zu üben. Zum einen sind die bei der Mundmotorik angeführten Übungen auch hier sehr hilfreich, zum anderen können Sie aus dem Repertoire der Kinderreime und Lieder schöpfen, die oft mit Körperbewegungen oder Berührungen gekoppelt sind und Ihnen und den Kindern freudigen Zugang zur Lautunterscheidung geben (z.B. kri-kra-krase - ich krabbele die Nase, kri-kra-krohr - ich krabbele das Ohr usw.). Falls Ihnen die Ideen ausgehen, es gibt in den Buchhandlungen gerade über Kinderreime und Hand- und Fingerspiele schöne Bücher (z.B. von Ravensburger, Das ist der Daumen Knuddeldick).
Hier muß auch das Singen als besonders effektiv erwähnt werden. Neben den altbekannten Kinderliedern gibt es auch viele leicht zu singende neue Lieder. Beispielhaft seien die Hefte ";Lernspiele"; von Barbara Böke (Fidula Verlag, Boppard) genannt.
Auch Alltagsgeräusche, an die wir uns längst gewöhnt haben und die wir von daher nicht mehr bewußt wahrnehmen, sind für Ihr Kind immer spannend (horch mal - ein Auto; horch mal - das ist ein Lastwagen, der ist viel lauter; hörst du - da hinten bellt ein Hund - wie macht der; usw.).
Leere Getränkedosen, mit unterschiedlichen Materialien (Sand, trockne Erbsen, Metallteile u.ä.) gefüllt eignen sich als Übungsmaterial. Mit je zwei gleichgefüllte Dosen kann z.B. das erkennen und zuordnen aufgrund unterschiedlicher Geräusche geübt werden.
An diesem Punkt sollten Sie Ihrem Kind zuliebe die Geräuschquellen in der Wohnung (ständig laufendes Radio, nebenbei laufender Fernseher etc.), die zu einer ";Reizüberflutung"; führen (Ihr Kind kann zwar seine Augen schließen, wenn es ihm zu hell ist, aber nicht die Ohren, wenn es ihm zu laut wird) überprüfen und wenn möglich reduzieren. Lautspiele mit Radio im Hintergrund bringen ein Kind unnötig durcheinander und die gewünschte Lautunterscheidung wird so eher verhindert als unterstützt.
Sprachverständnis
Auch in diesem Abschnitt können lediglich einige Aspekte des Sprachverständnisses und der Speicherfähigkeit angesprochen werden. Die Inhalte überschneiden sich zudem mit vielen anderen Bereichen.
Längst bevor ein Kind eigene Worte spricht, versteht es in der Regel schon sehr gut, was Eltern, Geschwister und andere bekannte Personen ihm sagen oder erzählen. Die geistige Aufnahmefähigkeit von Worten (Auto, Ball etc.) oder kurzen Sätzen (gehe in die Küche etc.) sollte als ";passive"; Sprache bewußt geübt werden. Wichtig ist, mit Einzelworten zu beginnen und weiter mit kurzen, klaren Aufforderungen zu arbeiten. Die sog. Babysprache sollte dabei nicht zur Regel werden. Häufige Wiederholungen, Einbettung in Sinnzusammenhänge, deutliche Aussprache und Betonung sind Hilfen für das Kind und vermeiden eine sprachliche Überforderung bzw. Überflutung.
Kinder mit Down-Syndrom haben häufig einen sehr späten Beginn der ";aktiven"; Sprache, während das ";passive"; Sprachverständnis gut funktioniert. Bei gesprochenen kurzen Sätzen kann es eher den Sinn entnehmen und die richtige Reihenfolge der Wörter speichern, als bei langen, gegliederten Sätzen. Bilderbücher - zu Beginn nur mit einem bis wenigen Gegenständen aus dem Alltag des Kindes pro Seite (z.B. Mein erster Brockhaus), mit zunehmenden Alter umfangreicher in der Darstellung - geben eine kindgemäße ";optische"; Unterstützung.
Der Wortschatz kann so behutsam erweitert und durch ständige Wiederholung gefestigt werden. Eine Ruhepause beim gemeinsamen Betrachten eines Bilderbuches tut nicht nur Ihrem Kind gut. Allerdings brauchen die Kinder eine Weile, um ein Bild oder einen Gegenstand aufmerksam zu betrachten. Manchmal ist anfangs das Blättern in einem Bilderbuch sogar viel spannender.
Probieren Sie es behutsam immer wieder. Benennen Sie Gegenstände, die Sie im Alltag regelmäßig benutzen. Lange Erklärungen sind dabei nicht notwendig und für das Kind nur verwirrend. Wichtig ist, daß Ihr Kind lernt, daß Dinge einen bestimmten Namen haben.
Motorische Fähigkeiten
Die krankengymnastische Behandlung von Geburt an ist heute in der Regel zur Selbstverständlichkeit geworden und sollte von den Eltern entsprechend unterstützt werden. Bewegung und Sprache stehen im engen Zusammenhang - mit der motorischen Förderung fördern Sie auch die Sprache!
Eine große Schwierigkeit stellt die oft sehr schlaffe Muskulatur der Kinder mit Down-Syndrom im mundmotorischen Bereich dar. Hier muß ein sprachtherapeutischer Versorgungsschwerpunkt liegen, der zum einen in der an anderer Stelle beschriebenen orofacialen Therapie nach Castillo Morales besteht, zum anderen den aktiven Lautaufbau begleitet.
Für den Lautaufbau ist es wünschenswert, daß die Eltern sprachtherapeutische Beratung - und sei es in Intervallen - in Anspruch nehmen können. Vieles machen Eltern intuitiv richtig (z.B. intensiven Blickkontakt beim Wickeln, verbunden mit dem Wiederholen kindlicher Laute), vieles können sich Eltern über Bücher aneignen. Dennoch gibt es gerade zum Lautaufbau Hilfen für Eltern und Kind, die besonders in den ersten drei bis vier Lebensjahren nur durch praktische Übungen weitergegeben werden können.
Der Bewegungsablauf von Zunge, Lippe, Gaumensegel etc. erfordert beim Sprechen eine hohe Geschicklichkeit und muß genauestens aufeinander abgestimmt sein. Dafür ist wiederum eine gute allgemeine Körperkoordination wichtig.
Sprechfreudigkeit
Es ist wichtig, möglichst früh durch vielfältige Anregungen - zunächst anscheinend losgelöst vom sprachlichen Bereich - das Interesse des Kindes an seiner Umwelt zu wecken. So können für Kinder mit Down-Syndrom Entwicklungsschritte erleichtert werden, damit die vorhandene Sprechfreudigkeit ausgebaut wird und nicht erlahmt.
Wie bereits oben erwähnt, versteht ein Kind Worte, lange bevor es beginnt, sie selbst zu sprechen. Diese Sprechfreudigkeit können Sie zwar positiv beeinflussen, dürfen dabei aber nie vergessen (dieses gilt ebenso für alle anderen Entwicklungsschritte), daß persönliche Anlagen und Vorlieben vorhanden sind und eine Rolle spielen. Dies wird neben allen organischen Grundlagen immer wieder vergessen: die Sprechfreudigkeit ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich und das wird natürlich bereits in den Fortschritten der Sprachentwicklung deutlich. Wahrscheinlich kennen Sie auch in Ihrem Familien- oder Bekanntenkreis gute, gewandte Erzähler und ebenso die schweigsamen Menschen.
Kinder reagieren sehr empfindlich in ihrer Sprechfreudigkeit, wenn sie einen elterlichen Druck spüren. Bei der Aufforderung, etwas nachzusprechen oder allzu deutlicher Erwartungshaltung seitens der Eltern, ist fast immer die Sprachverweigerung als Reaktion des Kindes festzustellen. Kinder mit Down-Syndrom sind hier besonders sensibel. So wird schnell und unbeabsichtigt aus gut gemeinter Förderung eine Überforderung! Sprache ist Kommunikation - also eine Verständigung zwischen den Menschen. Diese Verständigung soll Freude machen und kein Leistungszwang werden.
Soviele Bausteine zur Sprachentwicklung auch notwendig sind - jedes Kind hat zum Glück einige besondere ";Kanäle";, über die es Sprache lernt: beim Wiegen auf dem Schoß und Vorsummen eines Liedes, beim gemeinsamen Singen und Spielen, beim ruhigen Zuhören einer vorgelesenen oder erzählten Geschichte und bei vielen Gelegenheiten mehr. Schauen, hören und probieren Sie, was Ihnen und dem Kind Spaß macht!