Stillen des Säuglings mit Down-Syndrom

 Erfahrungsberichte zweier Mütter


Bericht eines Kinderarztes

Noch bis vor wenigen Jahren war es eine in Geburtskliniken häufig praktizierte Gepflogenheit, Mütter von Kindern mit Down-Syndrom bei ihrem Wunsch zu stillen nicht zu unterstützen und ihnen sogar davon abzuraten. Die angebliche Unfähigkeit zu saugen des schon bei der Geburt auffallenden hypotonen Kindes war hierbei ein stereotyp angeführtes Argument für diese Empfehlung.

In Untersuchungen aus jüngster Zeit hat sich jedoch gezeigt, daß die meisten Kinder mit Down-Syndrom durchaus in der Lage sind zu saugen und daß nur schwere Herzfehler sich zuweilen als absolute Stillhindernisse erwiesen haben.

Obwohl mit der mit 58 % in einer Erhebung angegebenen Häufigkeit der Muttermilchernährung sicher noch keine anzustrebende Idealforderung von wenigstens 75 % Stillhäufigkeit nach Verlassen der Geburtsklinik erreicht ist, scheint diese Zahl jedoch zunächst nicht entmutigend. Bei näherer Betrachtung der von den Eltern angegebenen Erfahrungen geben aber einige Einzelheiten Anlaß zur Befürchtung, daß auch heute noch Anschauungen vertreten werden, die einer realistischen Grundlage entbehren und weitgehend auf Unkenntnissen und älteren, übernommenen Vorurteilen beruhen.

Gerade wenn Mütter schon in der Schwangerschaft beabsichtigt hatten, ihr gesundes Kind zu stillen, ist es notwendig, auch bei einem behinderten Kind diese Absicht zu unterstützen und bei der Durchführung zu helfen. Stillen kann der Mutter helfen, den Verlust einer weiteren Erfahrung, auf die sie sich gefreut hatte, zu vermeiden. Außerdem kann ein behindertes Kind aus den gleichen Gründen von den Vorteilen der Muttermilch profitieren wie ein gesundes Kind.

1. Gründe für die Entscheidung gegen das Stillen

Als Gründe für die Entscheidung gegen eine Ernährung mit Muttermilch wurden folgende Argumente angeführt:

  • Verlegung des Kindes in eine Kinderklinik unmittelbar nach der Geburt (u. a. wegen des Verdachts auf einen Herzfehler)
  • Trinkschwäche des Kindes
  • «Zu wenig Milch»
  • Frühgeburtlichkeit
  • Brustentzündung / Neugeborenen-Gelbsucht
  • «Persönliche Entscheidung»
  • «Ich wurde nicht danach gefragt»

Einige Mütter wurden von der Situation nach der Geburt so überwältigt, daß sie keinen Weg mehr sahen, ihr Kind stillen zu können:

  • «Habe es versucht!»
  • «Der Schock der Behinderung und der Erkrankung (Herzfehler) waren sehr groß. Es stand für uns Eltern am ersten Tag nach der Geburt offen, wie es weitergeht. Der Ort und die Dauer des Klinikaufenthaltes waren unklar».
  • «... am 8. Tag erhielten wir die Diagnose ";Down-Syndrom"; und wahrscheinlich durch die Aufregung hatte ich schlagartig keine Milch mehr».
  • «...Bevor die Milch richtig einfloß, bekam unser Sohn die Neugeborenen-Gelbsucht. Er durfte laut Ärzten und Schwestern nicht weiter gestillt werden. Ich habe regelmäßig abgepumpt, um die Produktion zu fördern. Nach einer Woche wurde der Verdacht auf Down-Syndrom geäußert. Es wurde über Nacht keine Milch mehr produziert».

Ärztliche Aufforderungen zum Abstillen wurden u. a. in der folgenden Art und Weise formuliert:

  • «Es wurde keine direkte Empfehlung zum Abstillen gegeben. Aber wenn einem in dieser Situation niemand hilft, schafft man es selbst einfach nicht. Meine Milch ging dann sehr schnell zurück».
  • «Nach Absprache mit dem behandelnden Gynäkologen habe ich mich entschlossen, nicht zu stillen, da zu dem Zeitpunkt für uns das Ausmaß der Erkrankung bzw. Behinderung nicht klar war».
  • «Da das Kind wegen seines geringen Geburtsgewichtes in die Kinderklinik verlegt werden mußte, wurde mir unmittelbar nach der Geburt geraten (gezwungen), sofort abzustillen. Da es unser erstes Kind war und wir keine Erfahrungen hatten, haben wir das hingenommen».
  • «Man sagte mir, daß T. wahrscheinlich keine Kraft zum Saugen hätte». Argument: Verlegung in eine Kinderklinik.

Ohne die Tatsache anzweifeln zu wollen, daß es bei Kindern mit Down-Syndrom häufiger medizinische Komplikationen sind, die schon kurz nach der Geburt zu einer Verlegung in eine Kinderklinik zwingen, ist es doch leider eine immer wieder anzutreffende Gegebenheit, diese Kinder mit der vermeintlichen Komplikation der Gelbsucht, der Trinkschwäche oder einfach nur zur Abklärung der Diagnose in die Kinderklinik zu verlegen.

Diese in den Vordergrund gestellten medizinischen Gründe dienen oft letztlich nur als Alibi zur Rechtfertigung der Verlegung und sind meist Ausdruck der Hilflosigkeit im Umgang mit den Eltern des behinderten Kindes.

Kinder mit Down-Syndrom werden deswegen viel zu häufig in eine Kinderklinik verlegt, denn es ist durchaus möglich, zum Beispiel eine Gelbsucht oder Trinkschwäche in der Geburtsklinik zu behandeln oder auch die Verdachtsdiagnose dort zu bestätigen oder auszuschließen. Wie eine Mutter zum Ausdruck brachte:

«Man sollte die Kinder möglichst sofort mit der Mutter zusammenlassen!»


2. Vorteile des Stillens

Einige Vorteile des Stillens bzw. der Ernährung mit Muttermilch müssen gerade für ein Kind mit Down-Syndrom hervorgehoben werden:

  • Immunologische Besonderheiten (verminderte Infektanfälligkeit gerade bei den Kindern, die z. B. zu häufigen Infektionen der oberen Luftwege neigen).
  • Saugen an der Brust bedeutet eine intensive Stimulation der orofazialen Muskulatur (bei der häufig vorliegenden Hypotonie in dieser Region)
  • Verbesserung der Kontrolle der Zungenmuskulatur durch Saugen an der Brust.
  • Vermehrte Stabilisierung des Unterkiefers durch das Saugen.
  • Vermehrte Hautkontakte durch Stimulation vor allem des Gesichts

3. Beratung und Aufforderung zum Stillen  —   gerade auch bei Kindern mit Down-Syndrom

Der Begriff Trinkschwäche bei Kindern mit Down-Syndrom darf nicht als vorgegebene Tatsache hingenommen werden. Vielmehr sollte eine vorhandene Hypotonie u. a. im Bereich der am Saugakt beteiligten Muskulatur als Aufforderung zur in diesem Lebensalter am besten angepaßten Form der Therapie gewertet werden: Saugen an der Brust!

Es gibt viele Möglichkeiten,die Mutter eines Kindes mit Trinkschwierigkeiten zu unterstützen bzw. ein Kind mit dieser vermeintlichen Trinkschwäche zum Saugen anzuregen. Man muß - als außenstehender Berater - nur den Willen haben, dies auch - zum Wohl von Mutter und Kind - in die Tat umzusetzen.

Voraussetzung hierzu ist v. a. der Abbau unrealistischer, althergebrachter und übernommener Vorstellungen über die Fähigkeiten von Kindern mit Down-Syndrom. Ohne medizinische Komplikationen zu bagatellisieren, sollte die Diagnose ";Down-Syndrom"; sicher nicht mehr von vornherein mit dem Symptom Trinkschwäche assoziiert werden.

Es gilt Wege zu finden, gerade die Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom über allgemeine, aber auch spezielle, für ihr Kind anzunehmende Vorteile des Stillens bzw. der Ernährung mit Muttermilch aufzuklären und sie bei dieser Tätigkeit zu unterstützen. Einfühlsame und verständnisvolle Hebammen, Schwestern und Ärzte der Geburtsklinik können hier u. a. den Beginn einer Krisenbewältigung nach der Geburt eines behinderten Kindes bahnen.

Bei der Bewältigung «technischer Schwierigkeiten» des Saugens sollte aber auch auf «professionelle» Hilfen durch schriftliche Anleitungen, Selbsthilfegruppen oder
z. B. Vertreter der La Leche Liga nicht verzichtet werden.

Literatur:

  • Coulter Danner, S., Cerutti, E.R.: Über das Stillen von Kindern mit Down-Syndrom. Humana Milchwerke Westfalen, Medizinisch-wissenschaftliche Abteilung (Aktuelle Schriftenreihe, Pädiatrische Fachinformation) Ausgabe III (1989).
  • Good, J.: Breastfeeding the baby with Down-Syndrome. La Leche League International, Publication No. 23 (1985). Deutsche Übersetzung: Das Stillen von Down-Syndrom-Babies. La Leche Liga Deutschland, Informationsblatt Nr. 51 (1982).
  • Storm, W.: Ernährung mit Muttermilch bei Kindern mit Down-Syndrom. Ergebnisse einer Umfrage. Kinderarzt 20: 371-374 (1989)
  • Timko, S.W., Culp, Y.D., Pindell, J.G., Harakal, R.: Breastfeeding the baby with Down-Syndrome. Lactation Consultant Series. Developed by the Lactation, Consultant Department of the La Leche League International (1986).

Dr. med. Wolfgang Storm




Erfahrungsberichte zweier Mütter

I - Stillen fördert den Kontakt zum Kind

Wir hatten uns auf die Geburt unseres ersten Kindes Steffen (jetzt 7 Monate alt) gut vorbereitet und erwarteten keine Probleme. Doch als wir eine Stunde nach der Geburt erfuhren, daß Steffen ein Kind mit Down-Syndrom ist, waren wir fürchterlich geschockt. Er war zwar mit 3200 g und 52 cm sehr kräftig, doch die Geburt hatte ihn sehr gestreßt.

Vorher über das Stillen informiert

Vor der Geburt hatte ich mich durch Bücher und Gespräche mit der Stillgruppenleiterin, gut auf das Stillen vorbereitet, stand aber nun vor einer unerwarteten Situation. Denn das Stillen eines Kindes mit Down-Syndrom ist mit großen Schwierigkeiten verbunden.

Leider kam Steffen sofort nach dem Abnabeln auf die Intensivstation in den Inkubator, da er unter der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen hatte. Außerdem hatte er Bakterien im Blut und litt unter Calciummangel. Aber alles das konnte mich von dem Vorhaben, mein Kind zu stillen, nicht abhalten. Gerade Kinder mit Down-Syndrom, so erfuhr ich später, sind sehr anfällig für Infekte und diese Tatsache bestärkte mich in meinem Vorhaben, ihn zu stillen. Doch meine Hoffnungen, bald stillen zu können, wurden schnell zunichte gemacht. Als ich zum ersten Mal zu Steffen ging, war meine erste Frage, wann ich ihn anlegen könnte. Man sagte mir, daß er noch nicht aus dem Inkubator genommen werden könnte, da er noch Sauerstoff bekommen würde. Also fing ich an, die Vormilch abzupumpen und mit der Flasche zu füttern. Nach zwei Tagen kam der Milcheinschuß und Steffen konnte ganz mit Muttermilch ernährt werden.

Mir fehlte die nötige Ruhe Nachdem er aus dem Inkubator genommen worden war, versuchte ich ihn mit Hilfe einer Schwester anzulegen. Doch dieser Versuch, wie auch viele andere, mußten kläglich abgebrochen werden. Steffen war einfach zu schwach, um an der Brust zu saugen, er zeigte zwar Bereitschaft, schaffte es aber nicht.

Wahrscheinlich fehlte mir auch die nötige Ruhe, denn auf einer Intensivstation geht es immer ein bißchen hektisch zu. Ich hatte keine Möglichkeit, eine bequeme Stillhaltung einzunehmen. Das ist sehr wichtig, da das Stillen eines Kindes mit Down-Syndrom sehr viel Zeit und Geduld in Anspruch nimmt. So nahm ich mir vor, das Stillen zuhause intensiver zu üben.

Nach 14 Tagen wurden wir entlassen, doch zu Hause fehlte mir anfangs auch die nötige Ruhe. Ich saß zu jeder Mahlzeit zwei Stunden im Wohnzimmer, versuchte erst Steffen zu stillen und fütterte hinterher die abgepumpte Milch zu. Es war ganz schön streßig. Nur durch ständige Ermunterung der Stillgruppenleiterin gab ich nicht auf und legte immer wieder an. Nach sieben Wochen war ich so gestreßt, daß ich nicht mehr abpumpen wollte.

Es muß doch auch anders gehen

Irgendwie mußte es doch auch anders gehen. Also legte ich nur noch an und fütterte nicht mehr aus der Flasche. Die ersten zwei Tage waren sehr anstrengend. Steffen verlangte alle 2 Stunden nach Nahrung. Doch ich hielt durch. Nur nachts waren wir einfach zu müde, da pumpte ich ab und fütterte aus der Flasche. Es dauerte noch etwa eine Woche, bis ich Steffen voll stillen konnte.

Heute, nach fünfzehn Wochen hat Steffen einen dreieinhalb bis vierstündigen Rhythmus. Wir brauchen noch etwa fünfzehn Minuten zum Stillen und nachts schläft er durch.

Stillen ist wichtig

Ich kann nur jeder Mutter eines Kindes mit einer Behinderung Mut machen, wenigstens einmal zu versuchen, ihr Kind zu stillen. Stillen fördert den Kontakt zum Kind und baut Berührungsängste ab.

Gerade bei Kindern mit Down-Syndrom ist das Stillen besonders wichtig. Das Saugen ist sechzig mal schwerer, als aus der Flasche trinken. Deshalb wird die Mundmotorik besonders stimuliert. Der hierbei erreichte bessere Mundschluß ist eine nicht zu unterschätzende Vorbereitung für das spätere Sprechen.

Ursula Uebing




II - Stillen als erste therapeutische Maßnahme

Down-Syndrom und Stillen  —  ein ";Ding der Unmöglichkeit";?

Nein, aber es gibt sicherlich Probleme. Trotz mehr als einjähriger Erfahrung (Tochter Hanna wurde 13 Mon. gestillt) hatten auch wir am Anfang Probleme.

Erschwerend war die Tatsache, daß unser Sohn in eine andere Klinik verlegt wurde  —  völlig unnötigerweise. Ich vermute, daß sehr viel Unsicherheit im Umgang mit einem neugeborenen beeinträchtigten Kind die Ärzte und Schwestern dazu bewogen hat, unseren Martin wenige Stunden nach seiner Geburt in eine 30 km entfernte Kinder-Klinik zu verlegen, zumal der Junge organisch völlig in Ordnung war. Mein Sohn und mir blieb nach der Diagnose «Down-Syndrom» keine Stunde der Gemeinsamkeit, wir wurden abrupt voneinander getrennt.

Dabei wäre die Auseinandersetzung mit der ganzen Problematik mit dem Kind gemeinsam viel leichter gewesen. Die Verzweiflung wurde größer, als ich von meinem Kind getrennt war.

Nicht ganz zwei Jahre zuvor hatte das gleiche Personal in der Geburtsklinik sehr großen Wert darauf gelegt, daß ich unsere Tochter Hanna an die Brust bekam; im Fall von Martin wurde an das Stillen gar nicht gedacht. Nur in mir wuchs ein großes Verlangen, gerade Martin zu stillen. Ich war fest davon überzeugt, daß ich gerade unserem Martin damit sehr viel Gutes tun würde. Dabei dachte ich aber zunächst nur und in erster Linie an die gute «säuglingsgerechte» Ernährung, die erfahrenermaßen kaum Probleme bei einem Kind hervorruft, was Verdauung und Allergien angeht. Hinzu kommt, daß gestillte Kinder nicht so infektanfällig sind.

Hätte ich nicht sehr viel Erfahrung und Routine im Stillen gehabt, hätte ich unseren Martin wohl kaum an die Brust bekommen. Aber wer hilft einem, wenn man Stillen möchte, aber ein Kind mit Down-Syndrom aufgrund seines geringen Muskeltonus Problem hat, die Brustwarze so in den Mund zu bekommen, daß es auch Nahrung bekommt? Kiefer, Gaumen und Zunge machen nicht so mit, wie nötig. Schließlich setzt ein Saugen an der Brust mehr Kraft voraus, als das Saugen an der Flasche, an der man das Saugloch beliebig vergrößern kann.

Nach 4 Tagen, als alle Untersuchungen abgeschlossen waren, wurde unser Martin als «organisch gesund» entlassen. Erst jetzt zuhause bekam ich unseren Martin an die Brust. Eine Hebamme stand mir für eine Woche unterstützend zur Seite. Ihr kann ich es verdanken, daß es mit dem Stillen doch noch klappte. Hinzu kam, daß mein Wille dazu so stark war, daß ich oft mehr als eine Stunde Geduld aufbrachte, bevor Martin überhaupt anfing zu trinken.

Nach den anfänglichen großen Schwierigkeiten, die eine im Stillen unerfahrene Mutter nicht gemeistert hätte, klappte das Stillen auch bei Martin hervorragend, fast ein ganzes Jahr. Abgesehen von den ersten Tagen in der Kinderklinik hat Martin keine Flasche kennengelernt.

Unsere beiden Kinder haben beide weder am Schnuller, noch am Daumen genuckelt. Ich glaube, daß das lange «Nuckeln an der Brust» ihre Bedürfnisse voll befriedigt hat.

Hinzukommt, daß das Saugen an der Brust für ein Kind mit Down-Syndrom eine gute Übung für Kiefer, Gaumen und Gesichtsmuskulatur ist. So hat unser Martin immer einen guten Mundschluß, nur selten kommt seine Zunge hervor.

Auch mit seiner sprachlichen Entwicklung sind wir sehr zufrieden. Und wir können nur sagen:

";Stillen ist die erste therapeutische Maßnahme.";

Brigitte Ahle-Echelmeyer



Stillen — das Beste für Mutter und Kind

Die Vorteile des Stillens aus ernährungsphysiologischer, immunologischer, psychologischer und ökologischer Sicht für Mutter und Kind sprechen für sich. Es ist jedoch sehr hilfreich zu wissen, dass Stillen ebenso wie Fahrradfahren oder Schwimmen erlernt werden muss. Ohne richtige Hilfe und fachliche Anleitung geben viele Frauen das Stillen zu schnell auf und bringen sich deshalb um unvergleichliche Erfahrungen.

Jede Frau kann stillen

Das Vorurteil: «Schon meine Mutter und Großmutter hatten zu wenig Milch und konnten deshalb nicht stillen; darum klappt es bei mir sicher auch nicht.», ist vollkommen unbegründet, denn mit Unterstützung und Ausdauer kann jede Frau lernen zu stillen. Ein weiteres Vorurteil lautet: «Durch das Stillen bekomme ich einen Hüngebusen». Da sich die Brust jedoch nicht durch das Stillen, sondern schon während der Schwangerschaft verändert, ist diese Sorge leicht auszuräumen. Ein gut sitzender Büstenhalter sollte deshalb schon während der Schwangerschaft möglichst auch in der Nacht getragen werden.

Muttermilch — Urnahrung der Menschheit

Die optimale Nahrung des Säuglings ist ein Naturprodukt. Muttermilch ist die perfekte Nahrung für den kleinen Erdenbürger in den ersten Lebensmonaten. Darum gilt die allgemeine Empfehlung, den Säugling mindestens vier Monate voll und ohne Zugabe anderer Nahrung zu stillen. Allergiegefährdete Kinder sollten sechs Monate ausschließlich Muttermilch erhalten. Darüber hinaus ist Muttermilch exakt auf den Energiebedarf des Säuglings abgestimmt. Sie ist leichter und schneller zu verdauen als jede andere Nahrung. Eine Überernährung ist im Gegensatz zur Flaschennahrung nicht möglich. Fettzellen, die beim Säugling angelegt werden, bleiben ein Leben lang bestehen und beeinflussen das Körpergewicht im Jugend- und Erwachsenenalter. Alle Vitamine, Mengen- und Spurenelemente sind in optimaler Weise in der Muttermilch enthalten. Das unfertige Immunsystem des Säuglings benötigt Wochen und Monate zum Aufbau seiner Abwehrfähigkeit. Da die Muttermilch Immunglobuline enthält, sind gestillte Kinder geschützt und haben deutlich weniger Infekte (z.B. im Brustkorb und Magen-Darm-Bereich). Hinzu kommt, dass Muttermilch vor Nahrungsmittelallergien schützt. Durch den Wachstumsfaktor für Bifidusbakterien in der Muttermilch wird die Entwicklung einer physiologischen Darmflora gefördert (bis zu 80% des Abwehrsystems ist im Darm lokalisiert). In der Muttermilch befindet sich Laktoferrin, das die Eisenversorgung des Babys optimiert, indem es Darmbakterien Eisen entzieht. Muttermilch ist stets verfügbar, wohltemperiert und darüber hinaus die preisgünstigste Babynahrung, die es gibt.

Angebot und Nachfrage

Die Größe der Brüste spielt für die Milchproduktion keine Rolle, da die Milch nicht in den Fettpolstern der Brust, sondern in tiefer gelegenen Drüsen gebildet wird. Kleine Brüste sind daher durchaus kein Still-Hindernis. Ein Neugeborenes benötigt pro Kilogramm Körpergewicht und Tag 120 - 200 Gramm Milch. Wiegt es also bei der Geburt 3.000 Gramm, so trinkt das Kind täglich 360 - 600 Gramm Milch. Innerhalb von drei Stunden können in jeder Brust 45 - 55 Gramm Milch gebildet werden. Die Trinkmenge richtet sich immer nach den Bedürfnissen des Kindes. Sie unterliegt dem System von Angebot und Nachfrage. Für das Anlegen gleich nach der Geburt sprechen zwei Gründe: Durch die Ausschüttung des Hormons Oxytozin wird die Kontraktion der Gebärmutter und damit das Ausstoßen der Placenta angeregt. Außerdem fördert es die Bildung einer engen Mutter-Kind-Beziehung von Geburt an.

Während der ersten 72 Stunden nach der Geburt produzieren die Brüste noch keine Milch, sondern eine dünne gelbliche Flüssigkeit, das Kolostrum. Es besteht aus Wasser, Eiweiß und Mineralstoffen und reicht bis die erste Milch einschießt zur Ernährung des Säuglings vollkommen aus.

Vorbereitung auf das Stillen

Die Brust sollte schon im Laufe der Schwangerschaft auf das Stillen vorbereitet werden. Die besten Tipps gibt der Frauenarzt im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen. Empfindliche Brustwarzen können z.B. durch den Einfluss von Luft, Sonne sowie Wechselduschen mit kaltem und warmem Wasser auf das Stillgeschäft vorbereitet werden. Experten empfehlen, die Brust in das Liebesspiel einzubeziehen.

Vorteile des Stillens für die Mutter

Stillen ist gut für die Figur. Die meisten während der Schwangerschaft angesammelten Pfunde verschwinden beim Stillgeschäft. Während des Stillens wird im Hypothalamus (Region im Zwischenhirn) Oxytozin gebildet und in der Hirnanhangdrüse gespeichert. Das Powerhormon steuert nicht nur den Milchfluss, sondern auch das Zusammenziehen der Gebärmutter. Becken und Taille gewinnen dadurch schneller den normalen Umfang zurück. Während des Stillens bildet der Körper das Hormon Prolactin. Es fördert die Milchbildung und hemmt zugleich einen Eisprung. Deshalb ist eine weitere Schwangerschaft während des Stillens recht ungewöhnlich. Eine zuverlässige Empfängnisverhütung allein ist das Stillen jedoch nicht. Es empfiehlt sich, den Gynäkologen zu befragen.

Stillen vermindert das Brustkrebsrisiko

Mütter haben die Möglichkeit, durch die Dauer der Stillzeit das Brustkrebsrisiko zu senken. Dies fand Dr. Jenny Chang - Claude vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Zusammenarbeit mit den Universitäten Heidelberg, Freiburg und Kiel in einer Studie mit 706 Brustkrebspatientinnen und 1.381 gesunden Kontrollpersonen heraus. Bei einer Gesamtstillzeit von 7 bis 12 Monaten verringerte sich das Brustkrebs-Risiko bei den untersuchten Frauen um 14%. Bei einer Stillzeit von 13 bis 24 Monaten sank das Risiko sogar um 42%. Chang - Claude kam zu dem Ergebnis, das der gesamte Zeitraum des Stillens von größerer Bedeutung ist als die Anzahl der gestillten Kinder. Die Risiko-Minderung kam bei Frauen, deren Alter während des ersten Stillens über 25 Jahre lag, deutlicher zum Tragen als bei jüngeren Jahrgängen. Auch diese Ergebnisse sollten ausschlaggebend dafür sein, die Frauen verstärkt zum Stillen anzuregen.

Die Mutter-Kind-Beziehung

Jede Stillzeit — ganz gleich wie lange sie auch immer sein mag — ist ein absoluter Gewinn für eine intensive Bindung von Mutter und Kind. Das Baby nimmt nicht nur Nahrung beim Saugen zu sich, auch seine Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit, Sicherheit und Trost werden in gleichem Maße gestillt. Durch den liebevollen Umgang miteinander wird die Stillzeit zu einem unvergesslichen Erlebnis für Mutter und Kind.

Der Berufsverband der Frauenärzte möchte mit diesen Ausführungen zum Stillen ermuntern und bietet den Frauen Rat und Hilfe an.


Maria-E. Lange-Ernst - 12.02.2003 Quelle: http://www.bvf.de/1/index1.htm (Berufsverband der Frauenärzte)

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