Ein Raumschiff stört den Jagdausflug
Stephen King "Duddits - Dreamcatcher"
Von Emmanuel van Stein
Fast hätte man die Hoffnung aufgegeben, dass Stephen King, der Großmeister des gepflegten Gruselromans, wieder zu seiner alten Stärke zurückfinden könnte. Jetzt liegt sein jüngstes Werk vor: "Duddits - Dreamcatcher", über 800 Seiten dick und der beste King seit vielen Jahren und noch mehr mittelmäßigen Büchern.
Offenbar musste Mister Horror derselbe erst einmal in die eigenen Glieder fahren, bevor ihn ein neuer Geistesblitz durchzuckte. Ein schlimmer Verkehrsunfall, wie er ihn sich nur selbst für eine seiner Figuren hätte ausdenken können, hatte den Vielschreiber 1999 viele Monate lang ans Bett gefesselt und Schreibblockaden ausgelöst.
Bis er sich entschloss, zur "besten Textverarbeitung der Welt" zu greifen, wie er im Nachwort von "Duddits" schreibt, nämlich einem Füllfederhalter. Und diesem klassischen Gerät floss eine Geschichte aus der Feder, die es in sich hat!
Vier Freunde treffen sich in einem einsamen Wald zu ihrem traditionellen Jagdausflug, da landet ein Raumschiff in der unwegsamen Gegend und löst eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes aus. Das heißt: eigentlich sind es die Menschen selbst, die Leichen am Fließband produzieren. Virtuos verknüpft Stephen King in seinem Plot gleich mehrere rote Fäden aus scheinbar bekannten Versatzstücken, die zu immer neuen überraschenden Wendungen führen: Die Aliens schauen seit Roswell 1947 immer mal wieder nach dem Rechten bei uns. Doch King gibt dem alten Mythos einen neuen Kick: Die Grauen, wie er sie nennt, erscheinen uns immer nur so, wie wir uns ihr Aussehen vorstellen.
Tatsächlich ist die fremde Intelligenz ein Sporen-Nebel, der sich im Bewusstsein der konterminierten Menschen festsetzt. Sie haben die so genannten Kackwiesel mitgebracht, eklige Aliens, die im Gedärm ihrer unfreiwilligen Wirte rasend schnell heranwachsen. King schildert dies derart plastisch, dass einem der Schreck nicht nur in die Glieder fährt.
Nur einer kann die Menschheit retten und den einzigen Überlebenden der Grauen stoppen, der ein Trinkwasser-Reservoir mit den Sporen verseuchen will. Es ist Duddits, ein Jugendfreund der vier Freunde, ein überaus liebenswerter Mensch mit Down-Syndrom und außerordentlichen mentalen Fähigkeiten. Ein Mongoloider*** als Held eines Romans: das hat es bislang auf diese bizarre Art und Weise noch nicht gegeben. Duddits ist die Inkarnation des Guten und Gütigen im Menschen, aber auch des Leids.
King treibt seine Geschichte mit einem so abenteuerlichen Tempo voran, dass man den Roman nicht eher aus der Hand legen mag, bis die letzte Zeile verschlungen und der letze Kackwiesel erledigt ist. Dass dem Autor dabei aber auch nicht die kleinste Kleinigkeit durch die Lappen geht - sprich: Die Charaktere sind minuziös ausgearbeitet - zeugt von seinem brillanten Können, das hier zweifellos einen neuen Höhepunkt erreicht hat.
Stephen King: "Duddits - Dreamcatcher",
aus dem Amerikanischen von Jochen Schwarzer, Ullstein, 826 Seiten
Kölner Stadt-Anzeiger Kultur 25.5.2001
*** Warum muß diese Formulierung hier stehen? (haes)