Rezensionen
Conny Rapp: Außergewöhnlich
Neumünster 2004
Preis: 16,80 Ä
ISBN: 3-926200-89-8
Die pränatale Diagnose einer Trisomie 21 ist für viele werdende Eltern Grund, sich für eine Abtreibung zu entscheiden. Dabei ist vermutlich die Vorstellung, die diese Eltern von Menschen mit Down-Syndrom haben, eine wesentliche Grundlage der Entscheidung.
Allerdings hat sich das fachliche Bild von Menschen mit Down-Syndrom enorm verändert: Mit der Abkehr vom rein medizinischen Modell der Behinderung wurden individuelle Stärken und Lebensmöglichkeiten sichtbar. Menschen mit Down-Syndrom wird heute ein in vielen Fällen recht selbstbestimmtes Leben zugetraut und ermöglicht. Filme wie "Am achten Tag" versuchen, eine ähnliche Veränderung für eine breitere Öffentlichkeit zu vermitteln. "Außergewöhnlich" entstand aus der persönlichen Betroffenheit der Autorin. Erst nach der Geburt ihrer Tochter wurde das Down-Syndrom diagnostiziert, die Frage im Krankenhaus nach ersten Informationen mit Informationen aus einem alten Pschyrembel ("mongoloide Idiotie") beantwortet. "Was ich damals dringend gebraucht hätte, waren aktuelle medizinische Informationen und was ich gerne gesehen hätte, waren schöne Bilder von Kindern mit Down-Syndrom, die schnellstens meine alten Klischee-Bilder ersetzen mussten."
"Außergewöhnlich" ist der Versuch, die negativen Klischee-Bilder durch ansprechende Bilder zu ersetzen. Porträtiert werden 15 Kinder mit Down-Syndrom zwischen eineinhalb und acht Jahren und ihre Mütter. Von jedem Kind sind mehrere Fotos, mal zusammen mit der Mutter, mal alleine abgedruckt. Die Bilder zeigen oft fröhliche Kinder. Sie sind nah dran, an den Menschen, die sie darstellen. Und es sind hübsche Menschen.
Es sind Fotos, wie es sie von jedem anderen Kind auch gibt: Kinderfotos. Mit Sicherheit überwiegen beim Betrachten der Bilder die gleichen Gefühle, die sich beim Betrachten von Kinderfotos zumeist einstellen, und genau damit sind die Fotos geeignet, negative Klischee-Bilder durch persönliche Bilder zu ersetzen. Jede der Mütter hat zudem einen kurzen Text verfasst: einen Bericht über kleine Begebenheiten und den Werdegang des Kindes. Dabei wurden zumeist Episoden gewählt, die glückliche, lustige Momente beschreiben. Etwa wenn im Bällchenbad bei McDonalds Kinder ganz selbstverständlich mit Marina spielen, oder wenn Yannick zu den Cornfalkes auch Ketchup auf den Tisch stellt. Auch erheblich belastende Zeiten werden geschildert, etwa wenn Lukas mit seinen 17 Monaten schon 14 Operationen hinter sich bringen musste, und die erwünschte Normalität des "Familien-Seins" erst einmal ausbleibt.
Deutlich wird in den Texten, dass die Mütter das Leben mit ihrem "außergewöhnlichen" Kind alle auch als Chance sehen: als Chance, ihr Leben bewusst zu gestalten, ihr Leben glücklich zu leben und Schwierigkeiten zu meistern. Es sind persönliche Texte, die Nähe herstellen und einen Zugang bieten, zu den porträtierten Menschen. Zielsetzung des Buches ist die Information werdender und betroffener Eltern, aber auch von Lehrern, Ärzten, Hebammen, usw. Es soll in Praxen von Gynäkologen, Kinder- und Fachärzten, Kliniken und Beratungsstellen ausgelegt werden. Auf die beschriebene Art ist es sicher geeignet, Eltern zu erreichen, zu informieren und dabei negative Klischee-Bilder zu ersetzen und das Zusammenleben mit einem Kind mit Down-Syndrom als durchaus mögliches und gelungenes zu zeigen.
Markus Brück
Quelle: http://www.heilpaedagogik-online.com/track.php?id=ho0105 (Seite 89 ff.)