In guter Hoffnung?

Über die Angst vor einem behinderten Kind

Deutschland 1997. 54 Min., Farbe, VHS. Buch und Regie: Maria Petersen. Produktion: Medienzentrum Querspur / Medienproduktion Realtime. Verkauf: Kulturbüro Maria Pecha, Wilhelm-Hauff-Str. 18, 12159 Berlin-Friedenau

Der Film geht der Frage nach, was es bedeutet, ein behindertes Kind zu haben und sich unter Umständen für einen Abbruch entscheiden zu müssen. Der Film soll als Entscheidungshilfe dienen.

Vier sehr unterschiedliche Frauen erzählen von ihren Erfahrungen. Die 42jährige Maria hat sich eine Amniozentese machen lassen und aufgrund des Down-Syndrom-Befundes für einen Abbruch in der 21. Woche entschieden. Freimütig spricht sie über ihre Angst vor einem behinderten Kind: Sie wollte mit ihrem Partner ein gesundes Kind haben, nach zwei Fehlgeburten und der Abtreibung brachte sie noch eine nicht behinderte Tochter zur Welt. Das Embryo betrachtete sie nicht als etwas Eigenes, wollte auch das Geschlecht nicht wissen. Sie wehrte sich dagegen, ein Kind nur aufgrund eines schlechten Gewissens auszutragen.

Birgit lebt mit ihrem 15jährigen körperlich und geistig behinderten Sohn zusammen. Ihr Mann wollte kein Kind. Da es in ihrem Bekanntenkreis einen Fall mit Down Syndrom gab, wollte sie eine Amniozentese machen lassen, der Frauenarzt wiegelte jedoch ab und beruhigte sie. In der 15., 16. Woche traten schon Wehen auf, der Körper wehrte sich gegen das Kind, aber die Ärzte versuchten, mit allen Mitteln das Kind zu erhalten, das mit einem Kaiserschnitt zur Welt und erst einmal in den Brutkasten kam. Nach der schockierenden Nachricht, daß ihr Kind an einer seltenen Chromosomenanomalie litt, empfand sie keine Muttergefühle, suchte ein Heim oder Pflegeeltern. Hilfe oder Rat fehlten, man ließ sie mit den Problemen allein. Heute liebt sie ihren Sohn, ihr eigenes Leben opfert sie quasi für ihn auf. Ihr fehlen die Erfolgserlebnisse, die berufliche und gesellschaftliche Anerkennung. Bei einer Schwangerschaft würde sie jedem raten, sich für eine vorgeburtliche Diagnostik zu entscheiden.

Die Türkin Nejla war 21 Jahre alt, als sie ihren Sohn Ferhat bekam, der am Down Syndrom leidet. Für sie brach damals eine Welt zusammen, sie kann die Gefühle nicht beschreiben, an die ersten drei Jahre erinnert sie sich nur noch mit Schrecken. Das Kind brauchte einen Herzschrittmacher, sie stand vor einer prekären Situation. Als sie vor einiger Zeit wieder schwanger war, entschied sie sich für einen Abbruch. Seit acht Jahren arbeitet sie aktiv in einer Selbsthilfegruppe von Müttern mit behinderten Kindern. Sie würde immer für ihr Kind kämpfen und glaubt, für die Zukunft eine Lösung zu finden.

Conny, die zum Zeitpunkt der Schwangerschaft schon über 40 war, lehnte eine Amniozentese ab. Ihr Sohn hat das Down Syndrom, aber sie bereut seine Existenz nicht, auch wenn der Schock nach der Geburt tief saß. Das Gefühl für ihr Kind verstärkte sich durch die Schwierigkeiten, sie nahm Kontakt zu Betroffenen auf. Am Anfang kämpfte sie mit einem schlechten Gewissen, fühlte sich schuldig wegen ihres Alters. Inzwischen ist das Kind ein Jahr alt und in der Krabbelgruppe. Sie weiß aber, daß mit zunehmendem Alter die Kluft zwischen den Kindern größer wird. Conny steht zu ihrem Kind und zu ihrer Entscheidung, aber oft fühlt sie "kleine Stiche", wenn sie gesunde Kinder sieht, Traurigkeit steigt in ihr auf.

Die vier Geschichten berühren, jede Frau weckt mit ihrer Situation Mitgefühl und Bewunderung, es gibt keine Schuld oder Schuldzuweisung. Dadurch, daß die Filmemacherin sich jeglicher Wertung enthält, kann auch der Zuschauer sich unvoreingenommen der Problematik nähern. Die Frauen haben nachvollziehbare Gründe, ein behindertes Kind zu bekommen oder auch nicht, auch die Beziehung zum Partner änderte sich - zum Guten oder zum Schlechten. Das Video vermittelt die Ängste der Frauen, aber auch ihre Stärke. Für diejenigen, die in einer Zwangslage sind, könnte es eine Unterstützung bei der Entscheidungsfindung sein.

Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gGmbH (GEP) - Redaktion medien praktisch - Text aus Heft 1/99, Seite 44-46 - Neue Videos - Rezensionen von dokumentarischen Videoproduktionen - Margret Köhler