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Zweisprachigkeit bei Kindern mit Down-Syndrom

von Etta Wilken

Zunehmend mehr Kinder wachsen heute zweisprachig auf. Dabei sind zwei verschiedene Ursachen zu unterscheiden:

  • Vater und Mutter kommen aus einem anderen Land (Migration, Gastarbeiter) und sprechen deshalb miteinander und mit dem Kind ihre gemeinsame Mutter-(Erst-)sprache,
  • ein Elternteil ist anderssprachig, hat aber den Wunsch, mit dem Kind die eigene Muttersprache zu sprechen, weil darin nicht nur eine differenziertere Ausdrucksmöglichkeit besteht, sondern vor allem emotional die Kommunikation besser gelingt.

Ein zweisprachiges Aufwachsen von Kindern in gemischtsprachigen Familien wird einerseits durchaus als Vorteil gesehen, aber andererseits wird auch auf die Gefährdung hingewiesen, die dadurch für die normale sprachliche Entwick1ung auftreten kann. Ein wirklicher Entscheidungsfreiraum für die Eltern ist jedoch selten gegeben, da für viele Kinder die Zweisprachigkeit eine Folge ihrer familiären Bedingungen ist und somit eine Notwendigkeit für die normale Kommunikation in ihrer Lebenswelt.

Die meisten Kinder können die besonderen Anforderungen der Zweisprachigkeit gut bewältigen, für einige aber erwachsen daraus spezifische Probleme. Seit einiger Zeit werden diese möglichen Schwierigkeiten mit dem Begriff der ";doppelten Halbsprachigkeit"; beschrieben. Damit ist gemeint, daß zweisprachig aufwachsende Kinder gefährdet sein können, weder die Erst- noch die Zweitsprache in der erwartungsüblichen Zeit bzw. im altersentsprechenden Umfang zu erwerben. Aufgrund wechselseitiger Störungen von Erst- und Zweitsprache kann es zu typischen Beeinträchtigungen in Wortschatz und Grammatik, aber auch in Artikulation und Redefluß kommen.

Wenn solche Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung schon bei nicht-behinderten Kindern auftreten können, ist verständlich, daß die Bedenken bezüglich einer Zweisprachigkeit bei Kindern mit Down-Syndrom noch größer sind. Es wird befiirchtet, daß sie bei der ohnehin bestehenden Sprachschwäche voraussichtlich nicht in der Lage sein werden, die besonderen Anforderungen der Zweisprachigkeit zu bewältigen. Entsprechend berichten Eltern fast übereinstimmend, daß ihnen deshalb von Friiherziehern nahegelegt wird, nur Deutsch mit dem Kind zu sprechen.

Gleichzeitig wird von den Eltern als emotional besonders belastend erlebt, mit dem eigenen Kind nicht in der eigenen Sprache sprechen zu können. Gerade wenn in der Familie - also auch mit den Geschwistern - die familiäre Erstsprache gesprochen wird, ist die Situation für das Kind mit einer Behinderung abträglich, da es in das familiäre Gespräch nicht einbezogen ist, bzw. werden kann.

Lernt es jedoch diese familiäre Erst-Sprache, wird es durch Frühförderung und Therapie naturgemäß von Anfang an mit Deutsch als Zweitsprache konfrontiert. Wenn nur ein Elternteil nicht muttersprachlich Deutsch spricht, ist die Situation zwar deutlich anders, jedoch ist auch hier wichtig zu bedenken, welche Sprache Vater bzw. Mutter mit den Geschwistern sprechen und welche Bedeutung die Zweitsprache für Besuche z.B. bei Verwandten oder im Herkunftsland hat.

Wir kennen zwar einige Kinder mit Down-Syndrom, die unter solchen Bedingungen relativ gut eine Zweitsprache erlernt haben, Wir möchten aber Eltern - vor allem von älteren Kindern - bitten, ihr eigenes Umgehen mit der Zweisprachigkeit und ihre Erfahrungen zu berichten. Es ist sehr wichtig, daß ein Erfahrungsaustausch zu diesen Fragen angeregt wird, um auf diesem Hintergrund zu einer kind- und familiengerechten Beratung zu gelangen.


Ihre Antworten richten Sie bitte an:

Frau Professor Dr. Etta Wilken
Universität Hannover
Institut für Sonderpädagogik
Bismarckstr. 2
30173 Hannover

Tel.: 0511 / 762 - 8361 Fax.: 0511 / 762 - 8408
E-Mail: wilken@erz.uni-hannover.de

Eine Kopie erbitten wir an den Arbeitskreis Down-Syndrom e. V.