Erwachsen werden und Sexualität
von Shay Caffrey, St. Michael´s House
Alle Kinder beginnen rapide zu wachsen, wenn sie in das Teenageralter kommen. Sie haben einen regelrechten Wachstumsruck. Die Gestalt ihres Körpers ändert sich. Mädchen beginnen Brüste zu entwickeln, die Geschlechtsbehaarung bahnt sich an. Bei Jungen wachsen Penis und Hoden, ihre Stimmen werden tiefer und auch sie bekommen die Geschlechtsbehaarung. Die Pubertät hat begonnen. Die Jungen und Mädchen von gestern sind dabei, Männer und Frauen von morgen zu werden.
Manche Eltern von Menschen mit Down-Syndrom sind ein wenig überrascht, wenn ihr Kind sich auf den gleichen Pfad von sexueller Entwicklung zu bewegen beginnt, wie alle anderen Menschen auch. Es gibt eine Menge mystischer Geschichten über Menschen mit Down-Syndrom, die zu fälschlicher Überzeugung beitragen. Eine dieser Mythen ist, daß sie kindlich sind und dies in jeglicher Beziehung immer bleiben werden. Dies resultierte in der Vergangenheit daher, daß Erwachsene in Kinderkleidung gesteckt wurden. Eine ganz andere Meinung ist, daß sie überhaupt keinen sexuellen Antrieb hätten und oder gar nicht an Sexualität interessiert seien. Diejenigen von uns, die Erwachsene mit Down-Syndrom kennen, sind sich bewußt, daß sie sexuelle menschliche Wesen sind genau wie der Rest der Bevölkerung.
Wie auch immer, bei Menschen mit Down-Syndrom kann es unterschiedliche Wachstumsmuster geben. Mädchen können ein Jahr später als ihre Altersgenossinnen mit der Menstruation beginnen. So normal wie andere Frauen auch, bekommen die meisten Frauen ihre Periode, nur selten setzt sie gar nicht ein. Schwangerschaften können und sind bereits vorgekommen. In einer Studie an 27 Frauen mit Down-Syndrom, die Kinder geboren haben, gab es zehn Babys mit Down-Syndrom, sechs hatten geistige und/oder physische Handikaps.
Es ist verifiziert, daß Männer mit Down-Syndrom in den meisten Fällen eine sexuelle Entwicklung durchwandern, die der übrigen Bevölkerung gleicht. Die Entwicklungsmuster von Genitalien und Körperbehaarung ist dieselbe. Sie erfahren Erektionen und können ejakulieren, genau so wie andere Männer. Jedoch, kein Mann mit einer freien Trisomie hat jemals ein Kind gezeugt. ( Anm. d. Red.: Inzwischen ist ein konkreter Fall bekannt.) Es scheint, als sei ihr Sperma zu schwach oder unvollständig, um ein Ei zu befruchten. (Anm. d. Red.: Wissenschaftler behaupten, das Sperma sei zu langsam, dies ist aber noch nicht eindeutig nachgewiesen.) Aber es gibt Männer mit einer Mosaikform des Down-Syndroms, die bereits Vater geworden sind.
Eltern haben oft Sorgen bezüglich der sexuellen Entwicklung ihrer Kinder. Ihre größte Sorge ist der Schutz ihrer Kinder. Schutz gegenüber sexuellem Mißbrauch, sexuelle Ausbeutung und Schwangerschaft stehen im Vordergrund ihrer Ängste. Da ist aber auch die Sorge, daß ihr Kind in diesem Zusammenhang etwas tun könnte, was Empörung in seiner menschlichen Umgebung auslöst oder gar das Gesetz bricht. Eltern sind sich meist der sexuellen Entwicklung ihrer Kinder bewußt und wünschen sich Assistenz/Unterstützung in dem Bereich der Erziehung zur Sexualität. Dies ist sowohl im Jugendalter als auch bei Erwachsenen mit Down-Syndrom wünschenswert. Einer neueren Studie zufolge, wünschen sich 98% der Eltern eine konkrete Sexualerziehung für ihre Heranwachsenden oder erwachsenen Töchter und Söhne.
Mit dem Heranwachsen muß gerade ein Mensch mit Down-Syndrom eine Reihe von Dingen aus dem Bereich der Sexualität erlernen. Durch den heute größeren Freiraum und die eigene selbständige Mobilität in ihrem Lebensumfeld, Schule, Arbeitsplatz, Wohnort ist es von essentieller Bedeutung zu lernen, wie man sich gegen sexuellen Mißbrauch oder Ausbeutung schützt. Männer sind hier ebenso verletzlich wie Frauen. Sie entwickeln auch selber einen Sinn dafür, was sie im Bereich der Sexualität darstellen, wer sie sind. Sie lernen, was es in unserer Kultur heißt, eine Frau bzw. ein Mann zu sein. Sie erfahren die Rollenverteilung und die Verantwortlichkeiten, die den verschiedenen Geschlechtern heute in der irischen (Anm.: und nicht nur dort!) Gesellschaft zugeschrieben werden. Daher müssen sie auch Würde und Stolz darin entwickeln, wer und was sie sind. Praktische Anweisungen (Anm.: aller Art) wie z. B. Maßnahmen zur Hygiene sind ebenfalls wichtig.
Es ist ebenfalls bedeutsam, daß sie lernen, daß Erwachsensein in Verbindung mit sexuellem Benimm steht. Es ist nicht schicklich, wenn ein 19-jähriges Mädchen jeden Mann, dem sie vorgestellt wird, gleich herzlich umarmt. Es kann auch nötig sein, zu erklären, daß sie keinen sexuellen Kontakt zu Kindern aufnehmen dürfen, eine Tatsache, die oft übersehen wird. Im Bereich der sexuellen Ausdrucksweisen, sprachlich so wie körperlich, müssen sie ein Konzept von privater Sphäre entwickeln. Oft und gern werden sie ihre ";privaten"; Körperteile berühren. Daß es dafür privaten Raum und probate Zeit gibt und die Öffentlichkeit dafür nicht der richtige Ort ist, muß immer wieder erklärt werden. Menschen mit Down-Syndrom müssen gewissenhaft lernen, daß es Grenzen bezüglich sexuellen Benehmens gibt und daß es eindeutige Konsequenzen nach sich zieht, wenn diese überschritten werden. Ein nachdrückliches Eindringen in die Privatsphäre anderer kann schwerwiegende, negative Folgen für die Person haben.
So ist es auch notwendig, die nötigen sozialen Fähigkeiten zu entwickeln, um mit dem anderen Geschlecht zurecht zu kommen, Freundschaften zu schließen und Beziehungen aufzubauen, falls die Person so etwas wünscht. Einer der besonders dominanten Charakterzüge von Erwachsenen mit Down-Syndrom ist Einsamkeit. Fertigkeiten wie das schließen von Freundschaft und Beziehungen können dabei unterstützen, die Isolation und Einsamkeit im späteren Leben auszuschalten. Selbständige, freie Jugendliche und Erwachsene mit Down-Syndrom benötigen klare, deutliche und konsequente Sexualerziehung.
Oft benötigen Eltern Assistenz auf diesem Gebiet, und es ist die Pflicht der Lehrer und Betreuer, sie darin zu unterstützen.

Eine Partnerschaft zwischen Eltern und Professionellen muß in Form gebracht werden, um es Menschen mit Down-Syndrom zu erlauben, ein erfülltes Leben zu leben, die Schönheit ihrer Sexualität zu erfahren und ihr Leben zu bereichern!
Ignoranz im Bereich Sexualität ist nicht die Seligkeit, ist fehl am Platze. Sie hat bei vielen Menschen zu Hartherzigkeit und großem Schmerz geführt.
Aus: ";Down Syndrome Magazine";, Irland, Übersetzung: A. Hippe