Zärtlichkeit, Geborgenheit, Sexualität

Wie finden junge Menschen ihren Weg?

von Friedrich Kassebrock

Liebe Kinder und Jugendliche, liebe Eltern,
liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren!

Einleitung

Ein häufig vorgebrachter Wunsch von Eltern behinderter Kinder ist es, die Kinder sollten trotz ihrer Behinderung „so normal wie möglich"; heranwachsen und sich in allen Lebensbereichen so wie andere junge Menschen auch entwickeln. Viele Eltern sind auf diesem Hintergrund aktiv geworden, haben für ihre behinderten Kinder eine Integration in Regelkindergärten oder Regelschulen erstritten und setzen darüber hinaus viel Zeit und Energie für eine „möglichst normale"; Freizeitgestaltung ihrer Kinder ein. Man muß sich natürlich fragen, ob das sogenannte Normale auch immer erstrebenswert ist. In bezug auf die Freizeit ist es zum Beispiel durchaus normal, daß Jugendliche einen erheblichen Teil ihrer Freizeit vorm Fernseher oder Computer verbringen. Das ist normal, aber ist es auch gut?

Unser heutiges Thema, „Zärtlichkeit, Geborgenheit, Sexualität - wie finden junge Menschen ihren Weg?";, bezieht sich auf einen Lebensbereich, in dem eine Normalisierung der Lebenssituation und eine Integration behinderter junger Menschen auf den ersten Blick als besonders schwierig erscheinen und sich auf den zweiten Blick viele unüberwindlich erscheinende Schwierigkeiten auftürmen.

Ich möchte zunächst an einem Fallbeispiel verdeutlichen, in dem es um die Geschichte einer 17jährigen nicht behinderten jungen Frau namens Jana geht, daß es in diesem Lebensbereich schon nicht behinderte junge Menschen nicht gerade leicht haben, ihren Weg zu finden:

Fallgeschichte: Das Bedürfnis nach Intimsphäre.

Jana ist 17. Auf einer Klassenfahrt lernte sie einen Jungen kennen, in den sie sich verliebt hat. Ihre Mutter war darüber beunruhigt, weil sie ihn nie gesehen hatte. Sie machte sich auch Sorgen wegen Janas Tagträumerei und ihren schulischen Leistungen.

'Jana war uns gegenüber bisher immer offen gewesen, und jetzt führt sie einen heimlichen Briefwechsel mit so einem Jungen. Sie rennt morgens zum Briefkasten, um zuerst die Post zu holen und meint, ich würde es nicht merken, wenn sie insgeheim raus schleicht, um Briefe einzuwerfen. Es ist gar nicht ihre Art, so geheimniskrämerisch zu sein. Aber ich habe wohl nicht das Recht, mich einzumischen.' (Johanna, 46).

'Ich habe einen ganz besonderen Jungen kennengelernt und noch nie so empfunden wie jetzt. Es ist alles so anders, aber ich will es noch niemandem erzählen, am allerwenigsten meiner Mutter. Ich denke die ganze Zeit an ihn.' (Jana, 17).

Sex ist eine höchst private Angelegenheit. Und trotzdem trifft es manche Eltern hart, wenn sie feststellen, daß ihr Teenager ihnen gegenüber nicht mehr so offen und frei heraus über sein Leben spricht. Jana ist weder hinterhältig noch falsch, sondern verschlossen: sie muß sich selbst schützen. Die erste Liebe ist immer stürmisch. Jana ist empfindsam und verletzlich, überwältigt von Gefühlen, die so mächtig und intim sind, daß sie es nicht ertragen könnte, sie offenzulegen. Wenn sie mit jemandem darüber spricht, dann am ehesten mit einer gleichaltrigen Freundin.

Janas Mutter bedrängte und hänselte sie nicht. Sie war klug genug zu erkennen, daß sie sich damit in einer für Jana unerträglichen Weise in ihr Privatleben eingemischt hätte - selbst wenn sie der Beziehung positiv gegenüber gestanden hätte.

Jana durfte ihr eigenes Tempo bestimmen. Ihre Mutter versuchte nicht, sich in die Beziehung einzumischen oder sie offenzulegen - z. B. indem sie versucht hätte, Jana davon zu überzeugen, ihren Freund mit nach Hause zu bringen und ihn vorzustellen.

Janas Mutter akzeptierte, daß sie zu diesen Bereichen in Janas Leben keinen Zutritt hatte, und daß von nun an die stärksten Gefühle ihrer Tochter nicht mehr ausschließlich der Familie gehören würden."; (FENWICK, E. & SMITH, T.: Pubertät. Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 1995, S. 136).

An diesem kleinen Beispiel wird deutlich, warum Entwicklungspsychologen von der Jugend als einer chronischen Krisenzeit reden. Die körperlichen und psychischen Veränderungen in dieser Zeit sind so rasant und gravierend, daß sich Jugendliche häufig zu ihrem eigenen Schutz völlig von Eltern und Geschwistern zurückziehen und auch in freizügigen Familien auf einmal großen Wert auf Respektierung ihrer Intimsphäre legen. Dieser Rückzug ist notwendig und dient dem eigenen Schutz. Der Wunsch nach Respektierung der Intimsphäre sollte daher keinesfalls durch Besserwisserei in Frage gestellt werden.

Zärtlichkeit, Geborgenheit, Sexualität - wie finden junge Menschen ihren Weg?

Der in unserem Fallbeispiel vorgezeichnete Weg ist klar: Eltern müssen es akzeptieren, wenn die Badezimmertür auf einmal zugeschlossen wird. Sie müssen es tolerieren, wenn die Freundin mehr über die Geheimnisse ihrer Tochter weiß als die Eltern. Sie müssen es als notwendig annehmen, wenn für die Tochter Personen außerhalb der Familie zunehmend wichtig werden. Durch den vertrauten familiären Lebensrahmen geben sie ihrer Tochter den nötigen emotionalen Rückhalt, so daß diese sich auf ihre ersten Liebesabenteuer einlassen und unvermeidliche Enttäuschungen verkraften kann. Eltern geben ihren heranwachsenden Kindern in dieser Weise viel Geborgenheit und Sicherheit. Kinder haben in diesem Rahmen gute Chancen, ihren Weg ohne überfordernde Krisen zu finden.

Die Jugend ist eine von rasanten körperlichen und seelischen Veränderungsprozessen gekennzeichnete Entwicklungsphase. Es ist daher sehr wichtig, daß Kinder nicht unvorbereitet von diesen Veränderungen überrascht werden. Ich möchte dies an einem weiteren Beispiel verdeutlichen:

Ein 20-jähriger junger Mann - nennen wir ihn Robert - wandte sich wegen übertriebener Schüchternheit und Angst vor dem anderen Geschlecht an eine Beratungsstelle. Beiläufig erzählte er, daß er seine erste bewußt wahrgenommene Erektion als Zehnjähriger am Tag vor Weihnachten hatte. Er glaubte zunächst, krank zu sein und habe vor allem Angst davor gehabt, bis Heiligabend nicht wieder gesund, also ohne Erektion zu sein. Ganz offensichtlich hatte es in seiner Familie an Aufklärung gefehlt und an der Möglichkeit, auch sogenannte peinliche Fragen zu stellen, was sich als eine durchaus gravierende Hypothek für die psychosexuelle Entwicklung dieses jungen Menschen erwies.

Bei der Aufklärung geht es einerseits um die Fakten:


Die normale Entwicklung


Mädchen

Wachstumsschub 10 - 11 Jahre

Entwicklung der Brüste 9 - 13 Jahre

Schamhaar 9 - 12 Jahre

Achsel- und Körperbehaarung 10 - 13 Jahre

Ausfluß aus der Scheide 10 - 13 Jahre

Achselschweiß 12 - 13 Jahre

Menstruation 11 - 15 Jahre

Rundung von Po und Hüften


Jungen

Wachstumsschub 12 - 13 Jahre

Wachstum Hoden und Hodensack 11 - 12 Jahre

Wachstum Penis 12 - 13 Jahre

Ejakulation 10 - 13 Jahre

Schamhaar 11- 12 Jahre

Achsel- und Körperbehaarung 13 - 15 Jahre

Bartwuchs 13 - 15 Jahre

Entwicklung der Schweißdrüsen in den Achseln 13 - 15 Jahre

Stimmbruch 14 - 15 Jahre

Vorübergehendes Wachstum der Brüste möglich

(nach FENWICK u. SMITH 1995, S. 19)


Diese körperlichen Veränderungen treten bei behinderten und nicht behinderten Jugendlichen in gleicher Weise auf, sie bewirken emotionale Verunsicherung und verwirrende Gefühle. Eltern behinderter Kinder übersehen häufig bei ihren Kindern deutliche Anzeichen der pubertären Veränderungen und werden dann von der Mitteilung der Schule, ihre Tochter bzw. ihr Sohn sei wiederholt beim Petting im Gebüsch beobachtet worden, überrascht

Jugendliche brauchen viel Zeit, ehe sie diese äußeren Veränderungen verstehen und in ihr Selbstbild integrieren können. Bei Jungen kreisen viele Gedanken um die Frage, wie groß ein Penis normalerweise sein sollte, wie man mit spontan, z. B. in der Schule auftretenden Erektionen umgeht, was es mit den feuchten Träumen auf sich hat, was mit dem Stimmbruch und wieso auch bei Jungen ein vorübergehendes Wachstum der Brüste auftreten kann. Bei Mädchen geht es primär um Fragen in Zusammenhang mit den wachsenden Brüsten, dem Einsetzen der Periode, Menstruationsbeschwerden und um die Monatshygiene. Bei beiden Geschlechtern können heftige Zärtlichkeitsbedürfnisse unvermittelt in mürrische Gefühlszustände und emotionalen Rückzug übergehen. Der Volksmund spricht davon, daß Jugendliche in dieser Lebensphase „nicht Fisch und nicht Fleisch"; sind.

Beide Geschlechter müssen die Tatsache, nunmehr gebär- bzw. zeugungsfähig zu sein, psychisch und emotional verarbeiten und in ihr Selbstbild integrieren. Das geht nicht ohne Brüche und Erschütterungen.

Eine erfolgreiche Bewältigung der Entwicklungsaufgaben dieser Lebensphase läßt sich unter anderem an folgenden Fähigkeiten ablesen:

  • Ausreichende Kenntnisse über die sexuellen Funktionen des eigenen Körpers
  • Kenntnis der sozialen Verhaltensregeln bei der Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht
  • Respektierung der Intimsphäre anderer Personen
  • Gestaltung und Wahrung der eigenen Intimsphäre
  • Konkrete Kenntnisse über Methoden und Mittel der Empfängnisverhütung
  • Verzicht auf sexuelle Gewalt
  • Bewußtsein der eigenen heterosexuellen bzw. homosexuellen Ausrichtung
  • Kenntnis der gesundheitlichen Risiken (AIDS) und entsprechender Vorbeugungsmaßnahmen

Diese Aufzählung ließe sich unschwer weiterführen und ergänzen. Deutlich wird, daß es sich bei „Zärtlichkeit, Geborgenheit, Sexualität"; um einen hoch sensiblen Bereich menschlichen Zusammenlebens handelt, in dem viele soziale Kompetenzen erforderlich sind, will man nicht anecken, Ablehnung erfahren oder sogar wie im Falle sexueller Gewalt zum Gesetzesbrecher werden. Es ist von daher unmittelbar einleuchtend, daß es junge Menschen mit einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung ungleich schwerer haben, um in diesem von Tabus, Ängsten und Unsicherheiten belasteten Lebensbereich ihren Weg zu finden. Dies hat damit zu tun, daß die mit den Entwicklungsanforderungen der Pubertät verbundenen Ablösungsschritte für behinderte junge Menschen viel schwerer zu bewältigen sind als für nicht behinderte Jugendliche, für die diese Lebensphase sehr oft schon belastend genug ist

Ich möchte dies im folgenden an vier Fallbeispielen verdeutlichen:

Behinderte junge Menschen in Pubertät und Adoleszenz - ein schwieriger Weg

Fehlende Intimität: Frank B. onaniert überall!
Frank B. kam im Alter von 14 Jahren mit seiner Mutter in die Beratungsstelle. Frank besuchte eine Sonderschule für geistig behinderte Kinder. Der Vater sei beruflich sehr eingespannt und könne daher nicht mitkommen.

Mit hochrotem Kopf erzählt die Mutter, Frank habe sich seit kurzem angewöhnt, in der Schule, im Bus, auf der Straße und auch zu Hause ganz ungeniert und öffentlich zu onanieren. Ihr (der Mutter) sei das alles schrecklich peinlich. Verschiedentlich sei der Junge auch schon von der Polizei nach Hause gebracht worden. Sie lasse ihn jetzt auch nicht mehr allein vor die Tür, seit er auf dem Spielplatz versucht habe, zwei kleine Jungen im Alter von 5 Jahren über den Kopf zu streicheln. Deren Mütter hätten empört bei ihr angerufen und sie aufgefordert, „den Triebtäter"; entweder zu behandeln oder einzusperren.

Die Mutter fragte, wie man ihrem Sohn denn ein normales Verhalten beibringen könne. Bei genauerer Nachfrage stellte sich heraus, daß darüber in der Familie noch nicht gesprochen worden war und daß Franks Vater mit dem Problem auch nicht befaßt werden wollte. Zögernd fragte die Mutter schließlich nach, ob es denn überhaupt normal sei, daß Jungen in dem Alter „so häufig"; (teilweise bis zu 12 mal am Tag) onanierten. Diese Frage wurde bejaht. So konnte die Mutter diesbezüglich beruhigt werden. Das Problem lag in diesem Fall eben nicht in einer übergroßen Häufigkeit des Onanierens, sondern in der Tatsache, daß dies in der Öffentlichkeit geschah. Aus falscher Scham hatten die Eltern es allerdings bis dahin versäumt, ihrem Sohn die normalen Verhaltensregeln nahe zu bringen.

Durch gemeinsame Anstrengungen von Elternhaus, Schule und Beratungsstelle gelang es dann recht schnell, daß Frank lernte, ausschließlich zu Hause in seinem Zimmer bei geschlossener Tür zu onanieren. Elternhaus, Schule und Beratungsstelle wiederholten mit immer denselben Worten und Formulierungen, daß Selbstbefriedigung nur zu Hause im Zimmer allein erlaubt ist. Es zeigte sich, daß Frank auf diese Weise durchaus lernen konnte, die Schamgefühle anderer Menschen zu respektieren und sich so etwas wie eine eigene Intimsphäre aufzubauen. Durch falsche Scham und Angst hatten es Eltern und Lehrer bis dahin vermieden, ihn mit eindeutigen und unmißverständlichen Verhaltensregeln zu konfrontieren.

Keine Chance zur Erforschung des eigenen Körpers.

Alice (15) schreit zu Hause immer so viel!
Alice F. kam im Alter von 15 Jahren mit ihren Eltern in die Beratungsstelle. Alice war ein hübsches Mädchen, dem die Schwere seiner Behinderung äußerlich kaum anzusehen war. Sie konnte nicht sprechen und war auch noch nie sauber und trocken gewesen. Sie gehörte in einer Sonderschule für körperbehinderte Kinder zu einer Klasse schwerst mehrfachbehinderte Schülerinnen und Schüler und war bei Lehrern und Mitschülern wegen ihrer fröhlichen Ausstrahlung sehr beliebt. Seit mehreren Wochen hatte sich Alice angewöhnt, von der Schule zu Hause angekommen, bis zu zwei Stunden unaufhörlich in hohen und lauten Tönen zu schreien. Das Schreien höre sich nicht eigentlich verzweifelt an, eher etwas vorwurfsvoll und vielleicht sogar ein wenig lustvoll. Verstohlen erzählte die Mutter schließlich, daß Alice beim Windelwechseln manchmal versuche, mit ihren Geschlechtsteilen zu spielen. Die Mutter hatte sich angewöhnt, dies durch Abdecken der Genitalien mit einem Tuch oder einer Windel zu unterbinden. Auf die Frage, warum sie dies tue, reagierte Frau F. zunächst etwas ratlos und verlegen. Es habe wohl damit zu tun, daß man „so was"; normalerweise allein mache.

Beide Elternteile zeigten sich sehr aufgeschlossen, als die Berater vorschlugen, Alice nach der Schule zwei Stunden ohne Windel in ihrem Zimmer allein zu lassen. Dies sei ohne weiteres möglich. Ob wir denn der Meinung seien, das Schreien könne etwas damit zu tun haben. Als wir dies bejahten, fragte der Vater, ob man dem Mädchen das Onanieren sozusagen auch praktisch beibringen müsse. Dieses verneinten wir mit Hinweis auf die gefährliche Nähe einer solchen Konstellation zu einer Situation sexuellen Mißbrauchs. Wir erhofften uns vielmehr, daß Alice selbst ihren Körper in der ihr gemäßen Weise erforschen könnte und infolgedessen auf das Schreien als Ausdruck von Unzufriedenheit und innerer Anspannung verzichten könnte.

Im nächsten Beratungsgespräch bestätigten die Eltern diese Sichtweise. Alice habe das Schreien restlos eingestellt. Ab und zu passiere zwar in der windelfreien Zeit ein kleines Unglück, aber das sei nicht so schlimm. Alice mache jetzt einen viel zufriedeneren Eindruck.

Dieses Beispiel ist die Geschichte eines sehr hilfsbedürftigen, schwer beeinträchtigten jungen Menschen, der die ihm zur Verfügung stehenden Mittel einsetzte, um in dieser Weise auf eine tiefe innere Not aufmerksam zu machen. Den Eltern gelang es mit Unterstützung der Beratungsstelle, ihre Tochter einen Weg finden zu lassen, auf dem sie sich von inneren Spannungen befreien konnte, ohne daß ihre Intimsphäre in übergriffiger Weise verletzt wurde.

Mit 14 schon ein sexueller Straftäter.

Patrick B.
Patrick wohnte in einem Heim für geistig- und lernbehinderte Jugendliche und war dort mehrfach durch Petting in öffentlichen Situationen aufgefallen. So war er einmal angetroffen worden, als er im Treppenhaus des Heimes oralen Sex mit einer 16-jährigen Mitbewohnerin praktizierte. Die Erzieherinnen und Erzieher hatten zunächst nur wenig alarmiert reagiert. Sie vermuteten auch, das 16-jährige Mädchen könnte Patrick verführt haben. Als er dann allerdings dabei erwischt wurde, wie er versuchte, mit einem 8-jährigen geistig behinderten Mädchen den Geschlechtsverkehr zu vollziehen, waren alle Beteiligten hell empört. Patrick sei doch eigentlich ein so netter und charmanter Junge. Es sei unverständlich, warum er so etwas mache. Schließlich wurde Patrick wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt. Vom Gericht wurde der Fall unter der Auflage, eine Therapie zu beginnen, an das Jugendamt verwiesen. Von dort aus wurde eine Beratungsstelle hinzugezogen, um gemeinsam geeignete pädagogisch-therapeutische Maßnahmen in die Wege zu leiten.

Bei der Erhebung der Vorgeschichte wurde deutlich, daß Patrick selbst schon als Kindergartenkind von beiden Eltern häufig sexuell mißbraucht worden war. Der Junge hatte daran auch noch sehr konkrete Erinnerungen und meinte, was er gemacht habe, das sei noch längst nicht so schlimm wie das, was seine Eltern mit ihm gemacht hätten.

In regelmäßigen, engmaschigen Gesprächen mit Heimleitung, Jugendamt, Richter und Therapeut wurde Patrick eine andere Sichtweise nahegebracht. Dabei kam ein äußerst empfindsamer Junge zum Vorschein, dem durchaus daran lag, gemocht zu werden, der aber andererseits zu einer selbständigen Kontrolle seiner sexuellen und auch aggressiven Impulse kaum in der Lage war. Nach verschiedenen Rückfällen, die zum Teil auch seinen Verbleib im Heim gefährdeten, gelang es, seine Entwicklung in ruhigere Bahnen zu lenken. Im Zusammenhang mit einer angelernten Tätigkeit als Tischler lernte er positive männliche und weibliche Vorbilder kennen. Dadurch konnten die in seiner Herkunftsfamilie erlernten negativen Muster in den Hintergrund gedrängt werden. Patrick verliebte sich und machte die Erfahrung, daß - so seine Worte - „Sex ohne Erpressung und Gewalt viel besser"; ist.

Dieses Beispiel ist die Geschichte eines jungen Menschen, dessen Entwicklung schon in der Kindheit einen äußerst unglückseligen Verlauf nahm. Die in der Kindheit erfolgten negativen Weichenstellungen ließen Versuche der Nacherziehung und Verhaltensänderung immer wieder scheitern. Mehrfach wurde diskutiert, ob eine Sicherungsverwahrung nicht die geeignete Maßnahme wäre. Dies hätte die endgültige Kriminalisierung des Jugendlichen Patrick B. bedeutet und das Aufgeben der Hoffnung, diesen jungen Menschen zu einem möglichst selbstbestimmten autonomen Leben zu befähigen. Das Beispiel unterstreicht nachdrücklich, welch umfassende Bedeutung das Erlernen sexueller Selbstkontrolle für den Lebensweg haben kann.

Jeanette W.: Mit 15 noch auf Papas Schoß.

Unproblematisch oder sexueller Mißbrauch?
Jeanette W. kam im Alter von 15 Jahren auf Druck der Schule mit ihren Eltern in die Beratungsstelle. Sie war ein deutlich geistig behindertes Mädchen, hatte nie Schreiben und Lesen gelernt und strahlte eine ständige Unruhe und Gehetztheit aus. Körperlich war sie voll entwickelt und wirkte - wohl auch wegen ihrer Körpergröße - eher wie eine 18-jährige junge Frau.

Jeanette war in der Schule mehrfach aufgefallen. Einmal hatte sie ihren Sportlehrer aufgefordert, mit ihr zu duschen, was dieser zunächst nur leicht amüsiert abgewehrt hatte. Ein andermal war bekannt geworden, daß sie sich in der Schulpause mit einem Jungen auf der Toilette eingeschlossen hatte. Schließlich war sie durch eine vermehrt sexualisierte Sprache, also durch den Gebrauch obszöner Schimpfwörter bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aufgefallen. Als sie dann einer Lehrerin ganz naiv und schwärmerisch erzählte, ihr Papa sei der liebste Mensch, drängte der Klassenlehrer die Eltern zum Aufsuchen einer Beratungsstelle.

Dort berichteten die Eltern, sie hätten sich immer viel Mühe mit ihrer Tochter gegeben. Bis vor einiger Zeit habe sie auch in der Nachbarschaft viele Spielkameraden gehabt. Diese hätten jetzt aber andere Interessen und sich von Jeanette zurückgezogen. Dies habe zur Folge, daß Jeanette viel mehr zu Hause sei als früher, sich häufig langweile und vermehrt den Kontakt zu ihren Eltern suche. Manchmal sei das wirklich schwer auszuhalten.

Auch während des Beratungsgesprächs saß Jeanette abwechselnd bei ihren Eltern auf dem Schoß, was wegen ihrer äußeren Erscheinung – sie hatte, wie gesagt, das Aussehen einer erwachsenen jungen Frau – äußerst unangemessen wirkte. Als die Berater dieses Thema direkt ansprachen und deutlich zum Ausdruck brachten, diese Art des Körperkontakts sei nicht mehr angemessen, meinten beide Eltern leicht schuldbewußt, darüber hätten sie auch schon nachgedacht. Jeanette tue ihnen aber sehr leid, sie habe keine Freunde, werde auf der Straße oft verspottet und in der Schule wegen ihrer Nervosität abgelehnt. Schließlich brauche Jeanette doch auch jemanden, der nett und zärtlich zu ihr sei. Sie habe nun einmal niemand anderen als ihre Eltern.

In langwierigen Beratungsgesprächen wurde erarbeitet, daß es durchaus angemessene gemeinsame Freizeitbeschäftigungen für Eltern und Tochter gab, ohne die Intimitätsschranken zu verletzen. Die Familie entdeckte so eine Reihe von Gesellschaftsspielen, die auch Jeanette erlernen konnte. Als weitere Regel wurde eingeführt, daß allenfalls die Mutter Zugang zum Badezimmer haben sollte, wenn Jeanette dort ihre Körperpflege durchführte. Das Bett der Eltern und der Schoß der Eltern wurden klipp und klar zu Tabuzonen für Jeanette erklärt. Den Eltern wurde verdeutlicht, daß Jeanette nur so lernen könnte, ihre eigene und die Intimsphäre anderer Personen zu wahren.

Schritt für Schritt konnte Jeanette – auch unter Mithilfe der Schule – mit Hilfe dieses pädagogischen Konzepts ihre Verhaltensauffälligkeiten überwinden. Sie begann, für Idole aus der Popszene zu schwärmen und schilderte Verliebtheitsphantasien, die für diese Altersstufe als durchaus normal angesehen werden können.

Die Geschichte von Jeanette W. ist ein weiteres Beispiel dafür, daß behinderte junge Menschen spezielle Hilfen brauchen, um eine ihrem Alter angemessene körperliche und emotionale Distanz zu ihren Eltern und Erwachsenen überhaupt zu wahren. Dieser Ablösungsprozeß ist schwierig, da behinderte junge Menschen sehr oft von Gruppen- und Cliquenbildungen ausgeschlossen werden. Sie haben dadurch kaum Möglichkeiten, sich in guter Weise von ihren Eltern zu lösen und ihr Herz an Personen außerhalb der Familie zu verschenken. Dies ist jedoch eine unerläßliche Voraussetzung für die Entwicklung einer psychosexuellen Identität und emotionale Unabhängigkeit.

Zusammenfassung

Abschließend möchte ich folgende Punkte hervorheben:

(I) Nicht behinderte wie behinderte junge Menschen brauchen wohlwollende Hilfen zur Bewältigung der ganz normalen Ablösungsschritte, die in der Jugend notwendig sind. Behinderte junge Menschen benötigen darüber hinaus Unterstützung bei der Abgrenzung eines eigenen Intimbereichs. Sie brauchen Hilfe, um sich von unguter Nähe zu Eltern und Betreuern zu lösen. Schließlich sind sie auf Unterstützung angewiesen, wenn es darum geht, sich gegen sexuellen Mißbrauch zu schützen und zu wehren. Von besonderer Bedeutung sind Orientierungshilfen, wenn ungünstige Vorbilder innerlich überwunden werden sollen.

(II) Normalisierung des Lebens behinderter junger Menschen, diese Forderung schließt die Wahlfreiheit junger behinderter Menschen ein, sich für die ihnen gemäße Form der Sexualität und die damit verbundene Lebensform zu entscheiden. Gemeint ist hier die Freiheit, allein zu leben, oder als alleinstehender Mensch in einer Wohngemeinschaft, als verheiratetes oder nicht verheiratetes Paar, in homosexueller oder heterosexueller Orientierung. Diese Wahlfreiheit schließt eine Kritik an fragwürdigen Formen der Sexualität wie zum Beispiel Prostitution nicht aus. Ebenso muß auch der häufig auftauchende heftige Kinderwunsch behinderter junger Frauen keineswegs unkritisch gefördert werden. Eine Sterilisation junger Menschen ohne ihre Einwilligung verbietet sich allerdings sowohl aus juristischen als auch moralischen Gründen.

(III) Beim Thema Zärtlichkeit, Geborgenheit, Sexualität geht es vor allem um Herzensdinge. Dies sollte auch anhand der vier Fallbeispiele gezeigt werden:

  • Bei Frank B. ging es darum, ihm beherzt, das heißt ohne falsche Scham und ohne sexuelle Unterdrückung - die angemessenen Verhaltensregeln nahezubringen.
  • Bei Alice F. war es wichtig, mit dem Herzen zu hören, was sie durch ihr Schreien an Schmerz, Verzweiflung aber Sehnsucht zum Ausdruck brachte
  • Patrick B. mußten mit Mut und Hoffnung im Herzen harte Verhaltensregeln auferlegt werden, um eine tiefgreifende Korrektur von destruktiven Denk- und Verhaltensgewohnheiten zu bewirken.
  • Die Eltern von Jeanette W. brauchten langfristige Beratung, um zu erkennen, daß sie es zwar herzensgut mit ihrer Tochter meinten, ihr aber dennoch durch die äußerst übergriffige und von unangemessener Nähe gekennzeichnete körperliche Zuwendung psychische Schäden zufügten.

Es sollte jedoch auch gezeigt werden, daß es aus fast jeder verfahrenen Situation Auswege geben kann. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen viel Herz und Mut, so daß Kinder und Eltern aneinander wachsen können.


Literatur zum Themenbereich „Sexualität und geistige Behinderung";

Achilles, I.: „Was macht Ihr Sohn denn da?"; Geistige Behinderung und Sexualität. München: Piper Verlag 1990

Bai-Pfeiffer, R. (Hrsg.): Behinderte leben. Als Eltern von behinderten Kindern den Alltag bewältigen. Basel-Gießen: Brunnen Verlag 1998

Becker, M.: Sexuelle Gewalt gegen Mädchen mit geistiger Behinderung. Heidelberg: Schindele Verlag 1995 Ewinkel, C.: & G. Hermes (Hrsg.): Geschlecht behindert, besonderes Merkmal Frau. 3. Aufl. München: AG SPAK Bücher 1998

Fenwick, E. & T. Smith: Pubertät. Ein Survival Guide für Eltern und Teenager. Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 1995 Forum Sexualaufklärung. Informationsdienst der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 3/1997

HandiCAP: Das Magazin für Lebensfreude. Für Behinderte und ihre Freunde. München: esv-Verlag (verschiedene Jahrgänge)

Kluge, K.J. & L. Sparty: Sollen, können, dürfen Behinderte heiraten? Bonn: Reha-verlag 1977

Lebenshilfe e.V. (Hrsg.): Sexualpädagogische Materialien für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen. Weinheim-Basel: Beltz Verlag 1995

Magazin Pro Familia 25 (1997) Heft 4: Behinderung und Sexualität ISSN 0175-2960

Müller, N.B.: Mein Kind ist fast ganz normal. Stuttgart: Thieme-Verlag 1997

Noack, C. & H.J. Schmid: Sexuelle Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung. 2. Aufl. Stuttgart: Fachverband des Diakonischen Werkes der EKD 1996

Pfäfflin, M.: Adoleszentenprobleme Behinderter. In: Müller, H.(Hrsg.): Adoleszentenmedizin. München: Urban und Schwarzenberg 1987, 344-356

Pörtner, M.: Ernstnehmen - Zuhören - Verstehen. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag 1996

Schneider, S. & B. Rieger: Das Aufklärungsbuch. Ravensburg: Ravensburger Buchverlag 1990

Strickstrock, F. (Hrsg.): Die Gesellschaft der Behinderer. Reinbek: Rowohlt TB Verlag 1997

Friedrich Kassebrock ist Diplompsychologe
und Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern
im Teilbereich Schulen der von Bodelschwinghschen Anstalten im Bielefeld-Bethel.