Liebe, Freundschaft, Sexualität

Vortrag beim Kinder-/Eltern-Wochenende 1998

von Georg Neubauer

Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars ";Lieben und geliebt werden";.

Ich habe die Ehre, das Einführungsreferat zu Ihrer Tagung halten zu dürfen. Die Organisatoren haben wir gebeten und mit mir abgesprochen, nur ein Impulsreferat von max. 20 Minuten zu halten und dann mit Ihnen und Sie untereinander ein Gespräch zu führen.

1. Wissenschaftlicher Hintergrund

Ich wurde ja gerade vorgestellt und sie konnten erfahren, daß ich Soziologe und Pädagoge bin.

Soziologie bin ich vor allem in der Art und Weise, wie ich etwas untersuche. So habe ich z.B. im Bereich";Jugendsexualität"; Jugendliche mit einem Fragebogen befragt und dann die Daten statistisch ausgewertet. Hier kommt mir auch mein Mathematikstudium zu Gute.

Andererseits weiß ich, daß viele sich von solch einer Forschung gerne distanzieren, da wie sie meinen, mit Daten, Zahlen und Fakten alles bewiesen bzw. verfälscht werden kann. Gerade in der Sexualität scheinen solche Vorgehensweisen unangebracht, denn allein das zählen, ob man z.B. einen Orgasmus gehabt hat und vielleicht auch noch, wie viele, scheint dem Thema nicht angemessen zu sein. Denn Sexualität läßt sich nicht allein auf die Quantität reduzieren. So spielen gerade hier ja körperliche und emotionale Gefühle eine große Rolle.

Aber soziologische Betrachtungsweisen reduzieren sich natürlich nicht allein auf das Zählen von Ereignissen, sondern versuchen auch zu analysieren, welche Alltagstheorien, Normen und Zwänge in der Gesellschaft vorherrschen und wie sie das Verhalten von Menschen beeinflussen.

Beispiel: Wir wissen auf Grund von Studien, daß Kinder schon Orgasmen erleben können. Trotzdem haben in unserer Gesellschaft Kinder selten Geschlechtsverkehr. Dieses Verhalten führen wir als Soziologen darauf zurück, daß in unserer Gesellschaft die Norm besteht: „Als Kind tut man so etwas nicht!"; Es haben also sexualpädagogische Prozesse auf das Kind gewirkt, so daß es in der Regel bestimmte sexuelle Handlungen nicht tut, z.B. sich in der Öffentlichkeit nackt zeigt, öffentlich selbstbefriedigt usw. D.h. es gibt (Alltags-) theorien über das richtige Verhalten, die an die Kinder weitergegeben werden.

Hier liegen meine sexualpädagogischen Aufgaben. In der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen werden je nach Altersstufe vorhandene Erfahrungen, Denkweisen und Normen aufgearbeitet, so daß die Teilnehmer für sich einen Standpunkt entwickeln können. Je nach gesellschaftlichen Hintergrund (Wohngebiet, sozialer Stand, Religion und insbesondere Geschlecht usw.) werden natürlich verschiedene Konsequenzen gezogen.

Soweit meine Vorbemerkungen zu dem Hintergrund meiner folgenden Ausführungen.

2. Sexuelle Entwicklung

Ich möchte entwicklungspsychologisch vorgehen, d.h. ich schaue mir also im Laufe des Alters an, wie Jugendliche ihre Sexualität entwickeln.

Jugend beginnt mit der Pubertät, das ist also die entscheidende Phase. Mit der Pubertät, sagt man, wird man Jugendlicher. Vorher ist man Kind und wenn man dann die Jugendphase irgendwann einmal abgeschlossen hat, wird man Erwachsener. Weitläufig gilt, das Sexualität und Partnerschaft durchaus auch schon ein Teil der Jugendphase ist und nicht erst aufgeschoben wird, wie früher, bis zum Beginn des Erwachsenenalters.

Das Leben der vorherigen Kinder ändert sich in der Pubertät drastisch. Man muß wissen, die Arme und Beine wachsen besonders schnell. Der Rumpf wächst nicht mit. Die Kinder sehen dann ein wenig affenartig oder ungelenk aus. Das ist etwas, was erst einmal auffällt. Bei Jungen kommen die ersten Bartsprossen, bei Mädchen kommen die Brüste. Die Umwelt reagiert darauf. Sie merkt auf einmal, daß mit den Jugendlichen etwas passiert. Es werden jetzt auch bestimmte Anforderungen an sie gestellt. Eine Anforderung ist auch, daß man Sexualität übernimmt.

Es gibt ja durchaus andere Volksgruppen, wo Sexualität nicht so stark an die Geschlechtsreife gebunden wird, so daß Sexualität auch vorher auftreten kann. Das betrifft die Heterosexualität. Aber in unserem Kreis, in unserer Kultur, ist es so üblich, das zusammen zu bringen mit der Geschlechtsreife.

Die sexuelle Entwicklung zwischen den Jugendlichen ist relativ verschieden, wenn sie es auch nicht so empfinden. Durch die körperliche Entwicklung (Brust, Bart usw.) entsteht also die Geschlechtsreife, d.h. die erste Monatsblutung kommt und der erste Samenerguß. Fragt man die Jugendlichen, wann dies dann passiert ist, wissen Mädchen das meist genau, während die Jugen das als nicht so gravierend ansehen.

Was wissen wir aus der Wissenschaft?

Das Mädchen hat mit ungefähr zwölf Jahren das erste Mal ihre Regel. Der Junge bekommt ein halbes bis 1 Jahr später den ersten Samenerguß. Heutzutage werden die Jugendlichen früher geschlechtsreif als vor 100 Jahren. Dies ist natürlich bezogen auf den Durchschnitt der Jugendlichen.

Wohl gemerkt: wir sind Statistiker, es kann eher sein oder auch später. Es gibt durchaus Schüler, die das Ganze nach hinten verlagern und sagen, ich bin noch nicht reif genug dafür. Andere gehen es eher an, weil sie sich auch reifer fühlen. Sexualität ist nur eine biologische Geschichte. Immer an eine Person angebunden und richtet sich je nach dem, welche Lebenssituation sie hat. Die Jugendlichen machen also folgende Schritte: sie verabreden sich, küssen sich mal, machen Petting. Auch die Begleitperson wird schon mal gewechselt. Sexuell betrachtet machen sie also erst einmal diese Erfahrungen. Und irgendwann mal kommt es dann zum Geschlechtsverkehr. Dies geschieht im Durchschnitt vier Jahre nach der Geschlechtsreife.

In der Regel nähert der Jugendliche sich also der Geschichte, indem er ganz bestimmte Erfahrungen macht. Wenn man dann fragt, warum hast du es getan, wird häufig gesagt, weil ich ihn/sie geliebt habe und weil ich mich reif genug gefühlt habe. So gehören diese beiden Komponente zusammen – Liebe und Reife. Wenn man in die Studien der 60er, 70er, 80er oder 90er Jahre schaut, ist dann das Phänomen, daß die Jungen zunehmend auch sagen, wir haben uns geliebt, wir liebten uns; deswegen haben wir es getan, obwohl der Anteil viel geringer ist. Immer mehr Mädchen sagen, ich habe es gewollt. Diese Aussage ist steigend, d.h. Mädchen tun es nicht aus Liebe zu ihrem Freund, sondern durchaus, weil sie es wünschen.

Ein Hamburger Sexualforscher hat stark darauf hingewiesen, das zunehmend von Mädchen die Initiative ausgeht. Das ist früher anders gewesen. Da hat sich also einiges verändert. Mädchen nehmen das auch viel selbstbewußter für sich in Anspruch.

Nun etwas zur Verhütungsfrage:

Eltern haben ja immer Angst, daß ihre Kinder nicht verhüten. Wenn man sich die Studien von früher anschaut – 50er, 60er und 70er Jahre – ist es so, daß über ein Drittel beim ersten Mal nicht verhütet hat. Diese Zahl ist heute unter 20 %. Die Jugendlichen sind also viel verantwortungsbewußter geworden. Für die Jugendlichen ist Liebe und Partnerschaft sehr wichtig geworden. Die Beziehungen halten auch viel länger als früher.

3. Sexualpädagogische Aspekte

Jugendliche sind heutzutage mehr und besser aufgeklärt als ihre Eltern. Sie zeigen auch mehr Verantwortlichkeit als ihre Eltern.

In der Regel werden Kinder durch die Schule und durch die Mütter aufgeklärt, dicht gefolgt von der Zeitschrift BRAVO, die Hauptaufklärungsliteratur, nicht nur für Mädchen. Es wurden Kinder/Jugendliche im Alter von 10 – 13 Jahren gefragt, von wem sie gern aufgeklärt werden und mehr erfahren wollten. Sie nannten zuallererst Mütter und Väter, insbesondere die Jungen. Hier erscheint eine Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Häufig muß die BRAVO dann die Lücke schließen. Wenn die Jugendlichen älter werden, dann werden insbesondere Freunde und Freundinnen Gesprächspartner.

Eltern und Lehrer treten dann in den Hintergrund. Zum Abschluß noch einige Themen, die den Anfang und das Ende von dem angeben, worüber wir eben gesprochen haben:

Freundschaft - Partnerschaft - Verhütung und Aids

Das Thema Aids sollte man nicht vergessen, obwohl die Kampagne um Aids etwas zurückgegangen ist. Gut, zum Schluß, die ganze Aidsprävention, überhaupt die Sexualpädagogik, scheint nach meinem Dafürhalten sehr viel bewirkt zu haben. Ich bin manchmal sogar schon erschrocken, wie normal Jugendliche mit fünfzehn, sechzehn, siebzehn Jahren mit Sexualität umgehen. Das ist Normalität, Sexualität ist im Alltag sozusagen integriert worden.

4.Gesellschaftliche Aspekte

Für Jugendliche heute ist Sexualität selbstverständlicher geworden. Die heutige Jugendgeneration hat kaum noch Konflikte wegen ihrer Sexualität mit den Eltern und kann ihre Sexualität zu Hause ausleben. So spricht auch Schmidt berechtigt von einer ";Familiarisierung"; der Jugendsexualität.

Dies bedeutet aber nicht gleichzeitig, daß die heutigen Jugendlichen mit ihren Eltern über Sexualität sprechen. Vielmehr erhalten sie ihr Wissen und ihre Ansichten aus den Medien und hier besonders von den Jugendzeitschriften. Diese Quellen nutzen schon die 10-13jährigen, da sie mit ihren Eltern, insbesondere Väter, nicht darüber sprechen können, was sie aber durchaus wünschen, wie sie uns in einer Studie verrieten.

Die heutige Jugend ist durch die Verlängerung der Schulzeit stärker durch die Schule bestimmt. So arbeiten immer weniger Jugendliche mit Erwachsenen zusammen und fühlen sich auch immer später als Erwachsene. So ist es nicht verwunderlich, daß sie den Erwachsenenstatus, der durch berufliche Arbeit und (Geschlechter)Beziehung bestimmt ist, immer mehr nach hinten verschieben.

Da ist in ihrem momentanen Jugendstatus als Schüler keine Verantwortung übernehmen wollen und können, sehen sie in einer Partnerschaft eine Einschränkung, die sowohl ihre Freizeit aber auch ihren schulischen Erfolg gefährden. Insbesondere bei Mädchen in schulischer Ausbildung ist zu beobachten, daß sie Sexualität altersmäßig nach hinten verschieben, dagegen Mädchen in der beruflichen Ausbildung und im Beruf häufiger sexuelle Beziehungen eingehen.

Wenn heute Jugendliche untereinander über Sexualität sprechen, dann kommen auch Mädchen zu Worte und es wird weniger über Lust als über Frust gesprochen. Insbesondere Mädchen erleben Sexualität wenig befriedigend und fordern von Jungen mehr Liebe ein. ";Liebe"; soll dann die Erwartungshaltungen erfüllen, die insbesondere durch den Konsum der Medien entstanden ist.

Dabei tappen sie in eine ähnliche Falle wie ihre Eltern bei der Verfolgung des libertären Scheins der sexuellen Revolution der 60er Jahre. Denn hatten sich nicht diese Eltern selbst die sexuelle Erfahrungen ausgesetzt, die sie zwar heute nicht missen wollen, aber damals nicht die sexuelle Erfüllung gebracht hatte, die sie sich erträumt hatten? Diesen Erfahrungen entziehen sich heutzutage Jugendliche und sie kommen zu dem Ergebnis, daß es sich nicht mehr lohnt, sich zu schinden und zu experimentieren, um zu einem vermeintlich ";wahren"; sexuellen Paradies zu gelangen, auch wenn die Medien eine Vielzahl von Praktiken der verschiedensten Subkulturszenen heute anbieten.

Sexuelle Erfahrungen haben ihre guten und schlechten Seiten und könnten Ausgangspunkt von Gesprächen untereinander sein. Jugendliche haben diese Wünsche und Erwartungen an die Erwachsenenwelt. Nur müßten diese selbstkritisch genug sein, um die veränderten Sozialisationsbedingungen ihrer Kinder anzuerkennen. Aber hier zeigt sich, daß es im Hinblick auf Sexualität trotz der sogenannten sexuellen Revolution immer noch eine Doppelmoral existiert. So wurde in den 70er Jahren Sexualpädagogik in den Schulen vorgeschrieben. Andererseits gibt es bis heute an den Hochschulen für Pädagogen keine verbindliche sexualpädagogische Ausbildung, geschweige denn eine Hochschullehrerstelle für Sexualpädagogik.

Die Eltern gehen davon aus, daß Sexualpädagogik an den Schulen gelehrt wird und sie sich bei dem Thema zu Hause vornehm zurückhalten können. So werden die Jugendlichen mit ihren Problemen alleingelassen und müssen mit den ihnen zur Verfügung gestellten Freiräumen und medial vermittelten angeblichen Realitäten selbst klarkommen.

Tatsächlich zeigen Jugendliche, daß sie mit Sexualität verantwortungsbewußt umgehen können. Der von Schelsky in den 50er Jahren prognostizierte Niedergang der Gesellschaft bei der Freigabe von Jugendsexualität ist weder eingetreten, noch hat diese die moralischen Grundsätze der Gesellschaft von Treue, Liebe und Verantwortung weggespült. Sexualität scheint im garnicht spektakulären Alltag angekommen zu sein. Und damit scheinen sich viele Erwachsene nicht abfinden zu wollen.

Jugendliche lassen sich aber heutzutage nicht vorschreiben, wie sie es nun mit der Sexualität zu halten haben. Auch Mädchen fordern nicht nur mehr Selbstbestimmung ein, sondern setzen diese auch in der Praxis um. Jungen erkennen zunehmend die veränderten Bedingungen an und scheinen die von ihren Eltern in ihrer Jugendzeit abgelehnten Tugenden wie Treue und Liebe durchaus wertzuschätzen.

5. Abschlußbemerkung

Ich bin nicht auf Kinder mit Down-Syndrom eingegangen. Auf diesem Gebiet bin ich kein Fachmann.

Ich möchte aber zum Schluß doch ein paar Vermutungen nennen.

Ich denke, daß mit der Geschlechtsreife auch solche Kinder bzw. Jugendliche sich einen Partner/Partnerin suchen.
Ich vermute aber, daß diese Kinder bzw. Jugendliche von den Eltern noch weniger zugetraut bekommen als andere Kinder. Die Notwendigkeit der zeitweisen Trennung vom Elternhaus und ohne Aufsicht intim werden zu können, verzögert sich dadurch und läßt Erfahrungen nicht zu.

Insgesamt werden auch solche Kinder/Jugendliche ihren Weg finden.

So zeigt sich, daß Eltern die Aufnahme von Intimitäten nur höchstens bis zu einem Jahr herauszögern können. Ich frage mich manchmal, wieso sich Eltern dafür diesen Streß aussetzen und häufig das Verhältnis zu ihren Kindern gravierend belasten. In vielen Fällen wäre eine gewisse Gelassenheit notwendig, denn in der Regel zeigen sich die Kinder/Jugendlichen durchaus in der Lage mit neuen Situationen sinnvoll umzugehen.

Auf jeden Fall haben sie heutzutage viel häufiger gleichberechtigte und streßfreiere Sexualität als ihre Eltern. Die Liberalisierung von Jugendsexualität hat nicht das Chaos über die Gesellschaft gebracht wie viele befürchtet hatten. Ich denke auch für Kinder mit Down-Syndrom sollte ein freier Zugang ermöglicht werden. Es wird sich dann zeigen, wie sie ihre Sexualität dann ausformen.

Der Auszug basiert auf den Tonbandmitschnitt während des Einführungsreferates am 28.08.98 in der Ev. Heimvolkshochschule Lindenhof und auf einen von Prof. Dr. G. Neubauer (Universität Bielefeld/Fachhochschule Jena) geschriebenen Beitrag in der Wochenzeitung „FOCUS";). Er wurde zusammengestellt von Karin Obermöller.

Professor Dr. Georg Neubauer ist Soziologe und Pädagoge.
Er lehrt an der Fachhochschule Jena und an der Universität Bielefeld.