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Die Würde des Menschen ist unantastbar

";Die Würde des Menschen ist unantastbar";. Wenn es uns damit ernst ist, dann werden wir manches nicht machen dürfen, was wir machen könnten. Fortschritt ist kein Selbstzweck und nicht automatisch ein Wert an sich. Angesichts der technischen Möglichkeiten ist es wichtiger denn je, dass wir uns darauf verständigen, was wir unter Fortschritt verstehen und welche Richtung wir dem Fortschritt geben wollen. Wir brauchen einen Fortschritt nach menschlichem Maß.

Was das bedeutet, muss von der Gesellschaft diskutiert und demokratisch verbindlich festgelegt werden. Wer das als Behinderung der Wissenschaft kritisiert oder solche Entscheidungen allein der Wissenschaft selber überlassen will, der verwechselt die Aufgaben von Wissenschaft und Politik. Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung ist gebunden an die grundlegenden Werte unserer Verfassung. Das ist Auftrag für Politik und Wissenschaft.

Die Erinnerung an unsere Geschichte hilft uns, zu begreifen, was geschieht, wenn Maßstäbe verrückt werden; wenn der Respekt vor der Würde jedes einzelnen verloren geht; wenn Menschen vom Subjekt zum Objekt gemacht werden.

Wir können soviel wie noch nie. Damit wächst auch die Gefahr, den Respekt zu verlieren: vor dem Leben, vor der Würde eines jeden Menschen, so wie er ist. Die neuen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten stellen uns auf vielen Feldern vor schwierige Entscheidungen. Richtig entscheiden können wir nur dann, wenn ein Satz, wenn ein Grundsatz über allem steht:

";Die Würde des Menschen ist unantastbar.";

Bundespräsident Dr. Johannes Rau
Rede bei der Sondersitzung des Deutschen Bundestages
aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 26. Januar 2001