Gleich, wenn auch verschieden

Aus einem Vortrag von Sabine Stengel-Rutkowski:

Wenn Sie einen Menschen wie z. B. mich vor sich sehen, können Sie ziemlich sicher sein, dass der Chromosomensatz, sollte man ihn einmal untersuchen, 46,XX heißt; und wenn Sie einen Menschen wie z. B. meinen Vorredner sehen, können Sie ziemlich sicher sein, dass der Chromosomensatz 46,XY heißt.

Es ist noch gar nicht so lange her, daß auch in unserer Gesellschaft der 46,XY Karyotyp eine viel günstigere Ausgangssituation war, z.B. hinsichtlich Ausbildungs-, Selbstbestimmungs- und Selbstverwirklichungschancen, als der 46,XX Karyotyp. Noch heute sind bei uns die Bereiche Macht, Einflußnahme und Wohlstand 46,XY-lastig, während Ohnmacht, Anpassung und Improvisation unter schwierigen Bedingungen, die Domäne der 46,XX Individuen darstellt. Es lohnt sich, zu Beginn dieses Symposiums darüber nachzudenken, zu welcher gesellschaftlich akzeptierten Diskriminierung diese und andere Unterschiede in der genetisch festgelegten Ausgangssituation geführt haben und noch weiterhin führen, und warum das so ist.

Wir sind heute dabei, die auf den genetisch unterschiedlichen Ausgangssituationen beruhenden Vorherverurteilungen bestimmter Menschen zu hinterfragen, uns gegenseitig klarzumachen, was diese Unterschiede wirklich bedeuten, was gleichwertig, wenn auch verschiedenartig ist, was wirkliche Ausgangssituation und damit Chance für Selbstverwirklichung ist, und was durch Rollenzuteilungen und Rollenzwänge an seiner Entfaltung gehindert wird; was veränderbar ist und verändert werden muss:

  • von wem, wenn nicht von uns, und
  • wann, wenn nicht jetzt,

damit die gesellschaftliche Benachteiligung von Individuen mit anderem als dem ";herrschenden' Karyotyp oder Genotyp nicht Norm bleibt, damit jedes Individuum in der Gesellschaft seinen Platz findet, den es ausfüllen kann, Geborgenheit in der Gemeinschaft erfährt und nicht Ausgrenzung, damit jeder Mensch von den Mitmenschen in seiner Art erkannt und anerkannt wird. Dabei müssen wir uns klarmachen, dass das Wort ";Lebenswert"; von gesellschaftlichen Normvorstellungen her definiert wird, die hinterfragt und geändert werden können.

Aus:
Einleitung zum Vortrag
Trisomie 21, eine andere Ausgangssituation: Akzeptanz oder Verhinderung.
Symposium ";Das Kind mit Down-Syndrom in seiner Familie und in der Gemeinschaft";
am 12. Oktober 1991, 9.30 Uhr bis 10.15 Uhr in München, Klinikum Großhadern, Hörsaal III