Philosophieren über einen Kalender
Die Mutter eines zehnjährigen Jungen mit Down-Syndrom erzählte uns folgendes Erlebnis:
Mit dem Kind wurden die Wochentage, die Monate und die Jahreszeiten geübt, - in langen mühseligem Lernen hatte der Junge endlich begriffen, welche Namen die Tage haben, wie sie einer auf den anderen folgen und wie man heute, gestern und morgen unterscheidet. Hilfsmittel bei diesem Unterricht war ein grosser Kalenderblock, der natürlich im Laufe des Jahres dünner wurde und immer weniger Blätter behielt.
Eines Morgens, gegen das Jahresende zu, fand die Mutter das Kind in heller Aufregung: ";Sieh bloss, die Tage sind ja nun gleich zu Ende - und was ist dann?"; Aufmerksam hörte er der Erklärung zu, - aber: ";Und wo bleiben dann die Tage, die nicht mehr sind? Wo sind sie jetzt?";
Und nach einer ganzen Weile kam er dann noch einmal zu seiner Mutter: ";Du, ich weiss das jetzt, die Tage sind sicher beim lieben Gott! Der verwahrt die, - so wie Du die alten Spielsachen in den Schrank steckst.
Mutti, meinst du, dass der liebe Gott noch genug Tage für uns hat?";
Ingeborg Thomae in einer Veröffentlichung der Lebenshilfe