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Elke und Agnes treiben Sport.

Gerade haben sie eine Medaille bei der Olympiade für geistig Behinderte gewonnen.

Von WENDELIN NIEDLICH

Das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, darauf kommt es wohl an im Leben. Elke Blumenau hat ihre ganz eigene, oft überraschende Definition dessen, was wichtig ist oder unwichtig. Die 36jährige Torfrau der Deutschen Nationalmannschaft strahlt innerlich, spricht man sie auf den 5:3-Erfolg im Finale des Fußballturniers bei den special olympics (die Olympiade der geistig Behinderten fand vom 26. Juni bis 4. Juli statt) an. Aber sie redet nicht viel darüber. Es sei ";schön"; gewesen, sagt sie knapp. Gegen welche Mannschaft das Team gewonnen hat? Das weiß sie nicht. Ist vielleicht nicht so wesentlich.

Es ist beileibe kein Zufall, daß das unterlegene Team ";USA/Nebraska"; hieß. Bei den Spielen in North Carolina kamen sechs der acht Mannschaften aus den USA, ergänzt von Deutschland und Venezuela. Die special olympics haben in den USA Tradition: Am 20. Juli 1968 fanden in Chicago/Illinois die ersten Spiele statt. ";Die Veranstaltung hat eine Sponsorenliste, von der so mancher Profiverein hierzulande nur träumen kann";, sagt Björn Stenner (27), der als Cheftrainer der Leichtathleten in den USA war. Das Gesicht, das am engsten mit den special olympics verbunden ist - und das weiß in den USA jedes Kind -, gehört Arnold Schwarzenegger, der als erster ";Chairman"; fungiert.

War es aufregend dieser Berühmtheit zu begegnen? Elke Blumenau erwidert auf diese Frage nichts. Ihr verlegenes Lächeln ist Antwort genug. Natürlich war es aufregend - wie für viele andere Menschen auch, die tagtäglich ihrer Arbeit nachgehen, ohne daß ein Star den Weg kreuzt. Elke Blumenau - Sauerstoffmangel während der Geburt führte zu ihrer Behinderung - ist in einer Wäscherei beschäftigt, in der Werkstatt für Behinderte in Eutin. Sie lebt in Merkendorf/Ostsee, als eine von sieben in einer Wohngemeinschaft. Ihr dortiger Betreuer Frank Ihlenfeldt weiß um die Bedeutung des Sports: ";Das hat dort einen sehr hohen Stellenwert: Man spürt den Stolz und die Ausgeglichenheit der Leute."; Fußball spielt Elke Blumenau seit etlichen Jahren, auf der großen Wiese hinterm Haus. Allein unter Männern. ";Das ist die Regel";, sagt Nina Hülshorst (22), die das Damenteam in den USA betreute: ";Es gibt in Deutschland keine komplette Frauenmannschaft, die regelmäßig zusammenspielt.";

Darum sei es sehr schwer gewesen, aus einem zusammengewürfelten Haufen ein Team zu formen, erzählt sie weiter. Zumal die Frauen in ihren Männermannschaften oft die Stars seien und sich nun einordnen mußten. Elke Blumenau hat das vorbildlich geschafft, sie hat ihren Kasten saubergehalten und in elf Spielen (je zweimal 20 Minuten) nur acht Gegentreffer kassiert.

Die ganz übliche Frage, wie es mit dem erfolgreichen Team nun weitergeht, erfährt eine überraschende Antwort. Elke Blumenau und ihre Goldmannschaft werden ihren Titel niemals verteidigen können. Denn die Regeln der special olympics besagen, daß die Sportlerinnen und Sportler nur ein einziges Mal daran teilnehmen dürfen. Was zunächst grausam klingt, hat einen einfachen Hintergrund: Circa 50 000 geistig Behinderte in Deutschland treiben Sport, 88 von ihnen konnten zu den special olympics 1999 fahren. Das nächste Mal im Jahre 2003 in Irland sollen andere die Gelegenheit haben, diese kostenintensive Reise anzutreten. Da in Deutschland die großen Sponsoren fehlen, sind die Athleten meist auf viele einzelne Initiativen angewiesen. Die Reise von Elke Blumenau wurde zum Beispiel von der Redaktion ";Von Mensch zu Mensch"; des Hamburger Abendblattes mit 4000 Mark unterstützt.

Agnes Wessalowski ist die zweite norddeutsche Sportlerin, die mit einer Goldmedaille dekoriert aus den USA heimkehrte. Die 18jährige Schwimmerin, die eine Ausbildung an der Gewerbeschule für Gärtnerei und Hauswirtschaft macht, gewann über 50-Meter-Freistil in 1,01 Minuten, wurde Dritte über 50-Meter-Brust (1,04) und Fünfte über 50-Meter-Rücken (1,08). Sie trainiert zweimal die Woche beim SV Nettelnburg-Allermöhe und wird bald ";die eine Minute knacken";, wie Björn Stenner sagt, ";sie nimmt sich das nicht so bewußt vor, aber sie arbeitet daran";. Ihre Trainingsbedingungen werden sich bald weiter verbessern: Die Nutzung des Leistungszentrums in Dulsberg ist bereits genehmigt.

Die Reise nach Amerika hat bei Agnes durchaus gemischte Gefühle hinterlassen, wie ihre Betreuer erzählen. Der ganze Auftrieb machte ihr zunächst schlicht angst. Wie gesagt, die special olympics sind in den USA kein Randereignis: 40 000 Zuschauer weilten bei der Eröffnungsveranstaltung, es wimmelte von Zeitungsreportern und Fernsehteams. Die Veranstaltung wurde getragen von 35 000 ehrenamtlichen Helfern und hatte ein Budget von 35 Millionen Dollar. Ein amerikanischer Traum. Agnes hat sich daran gewöhnen müssen. Normalerweise stehen allenfalls ein paar Verwandte und Bekannte am Beckenrand. Normalerweise wird bei geistig Behinderten - Agnes leidet am Down-Syndrom - eher weggeschaut als hingeschaut.

Auch das Gespräch über ihre große Reise, an dem mehrere Journalisten teilnehmen, wird ihr langsam zuviel: ";Warum gucken mich alle an?"; fragt sie hilfesuchend ihre Mutter. Czeslawa Wessalowski erklärt, daß auch viele ihrer Fragen zunächst unbeantwortet blieben. ";Ihr Kopf ist voller neuer Eindrücke, das sehe ich ihr an, das weiß ich als Mutter."; Aber so manches käme erst viel später zum Vorschein. Vielleicht in einem Jahr, ganz plötzlich und unvermittelt.

";Die Betten waren sch . . . "; wirft Elke Blumenau ein, wie aus dem Nichts. Ist das ein Ansatzpunkt für eine kleine Anekdote aus Amerika? ";Ist dir vielleicht etwas Besonderes an den Amerikanern aufgefallen?"; lautet die Nachfrage. ";Nö";, sagt Elke trocken. Vielleicht war das - wieder einmal - nicht so wesentlich.

© 23.7.1999, Hamburger Abendblatt.