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Schwieriges Leben, das Freude bringt

Als Johanna vor sieben Jahren geboren wurde, gratulierten die Ärzte und Schwestern ihrer Mutter nicht

Von Dörte Staudt

Sankt Augustin/Bonn. ";Sie haben mir nicht gratuliert."; Als Christa Hartmann von ihrem dritten Kind Johanna entbunden worden war, merkte sie gleich im Troisdorfer Kreißsaal, daß etwas nicht stimmte. ";Die Atmosphäre war plötzlich so kühl. Niemand wollte mir in die Augen sehen."; Erst nach ein paar Tagen, endgültig dann nach einer Verlegung in die Johanniter Kinderklinik nach Sankt Augustin, hatte sie die Gewißheit: Ihre Tochter ist ein Kind mit dem ";Down-Syndrom";. Später, sehr viel später, zog die ausgebildete Krankenschwester noch einmal vor das gynäkologische Team der Klinik, zusammen mit Barbara Bujotzek, der Leiterin der Sankt Augustiner Frühförderung und vielen ";Down-Kindern"; an der Hand. Sie habe zeigen wollen, dass die Geburt eines geistig behinderten Kindes nicht einem ";Unglück"; gleichkommt, wie es ihr damals, unmittelbar nach der Geburt durch Gesten und Mimik, vermittelt worden sei. ";Die Kinder haben mit ihrem Charme alle um den Finger gewickelt";, erinnert sich auch Frau Bujotzek gern. Sie leitet die Frühförderung der Lebenshilfe für geistig Behinderte im Rhein-Sieg-Kreis seit rund vier Jahren.

Die Psychologin und Psychotherapeutin beginnt ihre Arbeit schon in der Klinik, wenn ein Down-Baby aufgenommen wurde. Sie möchte lindern, was Christa Hartmann vor sieben Jahren bitter erfahren hat: die erste Hilflosigkeit, die Ratlosigkeit. Vermitteln, dass ein Leben mit einem behinderten Kind schwer ist, aber auch Freude birgt. Und vor allem, das betont Johannas Mutter, viel Normalität. ";Mongölchen";, dieses Wort findet Christa Hartmann unpassend. ";Man verniedlicht keine Behinderung";, sagt sie. Darüber hinaus ist sie des Klischees von immer glücklichen Down-Kindern überdrüssig. ";Down-Kinder haben sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, wie alle anderen auch."; Und Johanna, heute ein wirklich sehr kuschelig wirkendes blondes Mädchen im Schulalter, weiß durchaus, was sie will. ";Diese Kinder wollen nichts darstellen";, charakterisiert Barbara Bujotzek. ";Sie äußern ihre Bedürfnisse ungeschminkt."; Etwa ein Viertel der über 200 von der Frühförderung betreuten Kinder sind geistig behinderte Kinder. Sie erhalten Unterstützung über Ergotherapie oder Heilpädagogik, Logopädie und Krankengymnastik. Obwohl die Sankt Augustiner Stelle seit dem Eintritt der Leiterin kräftig erweitert werden konnte und eine Eitorfer Nebenstelle in Vorbereitung ist, gibt es immer noch Wartelisten. Auch finanziell ";strecken wir uns stets nach der Decke";.

Hilfe für das ganz alltägliche Leben bot im ersten Halbjahr dieses Jahres der ";Familienunterstützende Dienst"; der Lebenshilfe in Hennef. Die für diesen Service zuständige Mitarbeiterin Marion Frohn vermittelte heilpädagogisch erfahrene Babysitter, zeitweise für neun Familien in der Umgebung. Aus finanziellen Gründen wurde diese Stelle zum 30. Juni wieder aufgelöst. Wie wertvoll eine Unterstützung aber ist, weiß Christa Hartmann, für die ein paar nur mit den beiden anderen Kindern verbrachten Stunden sehr kostbar sind. ";Die Geschwister müssen viel zu viel zurückstecken";, bedauert die alleinerziehende Mutter. Vielleicht wirken deshalb die elfjährige Anna und Martin, der nur 17 Monate älter als Johanna ist, so überaus erwachsen. Martin wurde jüngst in der Schule wegen seiner kleinen Schwester gehänselt. Als Christa Hartmann dann gemeinsam mit Barbara Bujotzek eine ";Projektstunde"; über das Down-Syndrom in dieser Grundschule anregte, um Vorurteilen durch Unwissenheit vorzubeugen, reagierte die Lehrerin ablehnend. Das Unterrichtsjahr sei zu kurz. Und überdies: Martin müsse mit der Hänselei noch öfter klarkommen. Wenn Johanna einmal wieder, wie im letzten Urlaub auf dem Bauernhof, von der Bullenwiese gerettet werden muß, auf der sie mit seliger Ruhe spielt, dann gerät der Gleichmut von Christa Hartmann allerdings schon einmal ins Wanken. Aber: ";Kein Mensch hat ein Recht, ihr Recht auf Leben abzusprechen";, sagt sie. Und: ";Uns hat sie schon sehr viel gegeben.";

aus: Kölnische Rundschau - 03. 08. 1999