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Eltern wollen behindertes Kind nicht

Aufregung in Italien

Florenz - Ein italienisches Paar hat Zwillinge bekommen, will aber nur einen der beiden Jungen behalten. Der Grund: Einer der Jungen sei mit Down-Syndrom (Mongolismus) und einem Herzfehler zur Welt gekommen, berichtete die italienische Zeitung ";Corriere della Sera"; am Dienstag. Und dieses Kind wollten die Eltern nicht haben, sondern zur Adoption freigeben. Als Begründung für die Zurückweisung des Kindes wird die ";schwierige psychologische Verfassung"; der Eltern angegeben. Der Fall sorgte in Italien für erhebliches Aufsehen und bei vielen für Empörung.

Die Entscheidung der Eltern müsse respektiert werden, sagte Pier Luigi Duvina, der Chefarzt der Abteilung für Kinderheilkunde des Krankenhauses in Florenz, wo die Zwillinge vor drei Monaten zur Welt gekommen sind. ";Es war eine schwierige Entscheidung";, betonte er. Das Paar aus Florenz sei bereits während der Schwangerschaft über den Gesundheitszustand des Säuglings informiert worden. Sie hätten einen Schwangerschaftsabbruch jedoch abgelehnt. Vater und Mutter seien etwa 30 Jahre alt. Sollten die Eltern nicht doch noch ihre Meinung ändern, werde der Junge nun zur Adoption freigegeben - finden sich aber keine Adoptionseltern, so muß der Junge in ein Waisenhaus gebracht werden.

Der kleine Junge werde indessen derzeit im Krankenhaus noch von Schwestern und Ärzten verhätschelt, berichtet die Zeitung. ";Wir nennen ihn Pausbäckchen (coccolino). Die Schwestern vergöttern ihn. Er ist der Schatz der ganzen Abteilung geworden";, sagte Duvina. Die beiden Jungen wogen den Angaben zufolge je ein Kilogramm bei der Geburt. Als sie das Gewicht von je dreieinhalb Kilo erreicht hätten, seien die Eltern mit dem gesunden Jungen nach Hause gegangen.

Der behinderte Junge soll nun in Kürze in einer Klinik in Massa nordwestlich von Florenz am Herzen operiert werden. Die Ärzte gehen davon aus, dass der Eingriff erfolgreich verlaufen wird. (dpa)

Kölner Stadtanzeiger, 04.08.1999



GEDANKEN ZUR ZEIT

Coccolino

Ein Arzt sagt mit Tränen in den Augen: ";Ich muss die Entscheidung der Eltern akzeptieren. Wir dürfen nicht verurteilen!"; Es ist selten, dass ein Arzt vor der Fernsehkamera eine solche Emotion zeigt. Es war der Chef der Geburtenklinik Torregalli in Florenz, Pier Luigi Duvina. Er hatte die Entscheidung eines jungen Elternpaares zu kommentieren, das Zwillinge bekommen hatte, von denen einer am sogenannten Down-Syndrom leidet, einer schweren Deformation des Herzens. Die Eltern nahmen nur den gesunden Zwilling, den kranken ließen sie im Spital zurück, eine Geschichte, die in diesen Tagen die italienische Öffentlichkeit bewegt.

Hunderte Anrufe von Ehepaaren, die das Baby adoptieren wollen, sind bereits in der Klinik eingetroffen. Es hat noch keinen Namen, die Schwestern, die es betreuen, gaben ihm den Kosenamen Coccolino. Und so füllt die Geschichte von Coccolino viele Seiten in den Zeitungen Italiens.

Professor Duvina, der seine Betroffenheit und seinen Schmerz auch im Fernsehinterview nicht verbergen kann, versucht, eine Erklärung für das Verhalten der Eltern zu finden. Sie wussten bereits Monate vor der Geburt, dass einer der Zwillinge das Down Syndrom haben und nur einer gesund sein werde. Sie sagten nein zu einer Abtreibung, um das Leben des einen Kindes zu bewahren und vielleicht auch in der Hoffnung, dass die Diagnose nicht stimmen würde. Als eintraf, was auf Grund der Untersuchungen zu erwarten war, nahmen sie das gesunde Baby an und lehnten das kranke ab.

Der Klinikchef sagt: ";Es ist schwer, die Eltern zu verstehen, aber wissen Sie, was es für eine Mutter bedeutet, ein Kind mit einer solchen Krankheit zu haben? Ständige Besuche beim Physiotherapeuten, beim Augenarzt, beim Kinderarzt, beim Herzspezialisten, eine ganz intensive Betreuung, Zeit, Zeit und nochmals Zeit. Keine Chance, weiter dem Beruf nachzugehen."; Dann macht er eine Pause und sagt mit tränenerstickter Stimme: ";Es ist leider nicht der erste Fall und es wird auch nicht der letzte sein."; Und er schüttelt resignierend den Kopf. Selbst der Osservatore Romano schrieb zu diesem Fall: ";Hinter der Entscheidung der Eltern steht die Angst, in ihrer Situation von der Gesellschaft allein gelassen zu werden. Es fehlt ihnen der Mut, auch ein behindertes Kind anzunehmen und mit Liebe und Fürsorge aufzuziehen, weil eine so schwierige Aufgabe in der heutigen Gesellschaft keinen Stellenwert hat.";

Was wurde in unserer Gesellschaft nicht schon über die Probleme behinderter Menschen diskutiert und wie weit sind wir noch von einer wirklichen Integration und einer wirksamen Hilfestellung entfernt! In vielen Fällen reicht die staatliche Hilfe nicht annähernd aus, um all die Kosten abzudecken, die Eltern für ein behindertes Kind aufzubringen haben, gar nicht zu reden von dem persönlichen physischen und psychischen Einsatz, der oft an die Grenzen des Erträglichen stößt. Sollte nicht die aufopfernde Sorge um einen Menschen, der ohne unsere Hilfe nicht leben kann, mehr wiegen als der verbissene Kampf um Erfolg in der Leistungsgesellschaft?

GÜNTHER ZIESEL
aus: Kleine Online: Sonntag 8. August 1999




Rabeneltern lenken ein

Florenz · Nach einem landesweiten Aufschrei der Empörung hat ein junges Ehepaar aus der Toskana jetzt sein behindertes Kind angenommen. Die Eltern hatten es nach der Geburt im Sommer abgelehnt, den Jungen mit dem früher als Mongolosimus bekannten Down-Syndrom nach Hause zu nehmen. Die gesunde Zwillingsschwester hat das Paar dagegen anerkannt. Der Fall hatte seinerzeit Italien aufgewühlt, auch der Vatikan hatte sich eingeschaltet. Entscheidend für den Sinneswandel sei jedoch der starke Druck in ihrem Heimatdorf gewesen, meinten die Rechtsvertreter der Eltern. Teilweise sei das Paar regelrecht überfallen worden, weil sie den Jungen zur Adoption freigeben wollten.

";Jetzt haben wir den Schock überwunden, die Liebe ist zurückgekehrt", sagten die Eltern.

dpa Südwest Presse Online, 07.01.2000