Ein ganz ";normaler"; junger Mann mit ungewöhnlicher Vergangenheit
Trotz Down-Syndrom ist Sören Hauptfleisch Musterschüler der Johannes-Falk-Schule
VON MANFRED HÖRSTMANN
Kreis Herford. ";Meine Hobbys sind Fußball und Blockflöte spielen";, sagt Sören Hauptfleisch. ";Das Wichtigste ist mir aber Fußball. Ich bin Torwart. Meine Vorbilder sind Sepp Meier, Andreas Köpke, Oliver Kahn und Bodo Illgner. Meine Lieblingsvereine sind Bayern und Dortmund. Und seit einiger Zeit bin ich auch noch unter die Philatelisten gegangen."; Der 21 Jahre junge Mann, der in einem Klassenraum der Johannes-Falk-Schule in Hiddenhausen sitzt und nonchalant über seine Steckenpferde plaudert, hat sich für den Fototermin in Schale geworfen. Das Oberhemd sitzt faltenfrei, der Binder passt perfekt.
Als Sören 1982 mit vier Jahren in den Sonderkindergarten kam, konnte er sich nicht allein anziehen und schon gar kein Hemd zuknöpfen. Das an Down-Syndrom leidende Kind war nicht in der Lage, einen auch nur halbwegs runden Kreis zu malen. Borghild Gläsker, die Leiterin des Johannes-Falk-Hauses, hat ein Bild in ihren Akten, das Sören damals gemalt hat. Ein hilfloses Gekrakel auf einem vergilbten Stück Papier. In die Beurteilung hat seine damalige Erzieherin geschrieben: ";Sören kann nicht seinen Vor- und Nachnamen sagen. Er hat den Status eines Zweijährigen.";
Doch Sören holt auf. Zwei Jahre später hat er sich nicht nur zum Anführer der Kinderschar gemausert, er kann auch Kreise malen, Treppen steigen und meldet sich rechtzeitig, wenn er zur Toilette muss. Beim Essen braucht er nur dann Hilfe, wenn Fleisch zu schneiden ist. Schon damals hört er gern Musik und spielt Orffsche Instrumente.
Wieder zwei Jahre später hat er gerade sein erstes Sonderschuljahr vollendet. Da wird ihm ein für sein Alter beachtlicher Wortschatz bescheinigt. Seine Sprache allerdings ist noch ein verwaschenes Gestammel. ";Sören ist freundlich und hat eine schnelle Auffassungsgabe. Er hat aber wenig Ausdauer";, lautete seine Beurteilung. ";Im Fach Sprache haben wir die ersten Buchstaben kennen gelernt";, hat Sören in seinen Erinnerungen geschrieben. ";Von M wie Mama bis S wie Sören.";
";Sören hat das große Glück, dass seine Eltern, die selbst Lehrer sind, ihn sehr unterstützen können";, sagt Borghild Gläsker. ";Zusammen mit der Förderung durch unsere Schule hat er so beachtliche Fortschritte gemacht."; Das bestätigen auch seine Fachlehrerin Christel Möcker und der Sportlehrer und Motopäde Jens Moshage: ";Der Sören ist unser Klassenprimus. Er ist sehr rücksichtsvoll und hilfsbereit.";
";In der Mittelstufe habe ich gut auf meinen Freund Matthias aufgepasst";, steht in Sörens Aufzeichnungen. ";Ich hatte aufgepasst, dass er zu den richtigen Uhrzeiten sein Essen bekam. Er ist nämlich zuckerkrank.";
Doch auch wenn ihm was missfällt, hält Sören nicht damit zurück. Allerdings ist seine Kritik eher moderat. ";Ich weiß nicht, ob Sie das vertragen können";, meint er zu seiner Lehrerin. ";Aber ich finde, es wird hier an der Schule nicht mehr soviel Fußball gespielt wie früher. Dafür haben wir jetzt Schwimmen.";
Christel Möcker kann diese Kritik offenbar locker wegstecken. ";Du magst doch auch ganz andere Sportarten";, sagt sie. ";Ja";, meint Sören begeistert. ";In der Freizeit in Südtirol, da habe ich Skilanglauf gemacht. Und wir waren Segeln auf dem Dümmer See.";
Locker und entspannt erzählt Sören auch von seiner Hüftoperation. Nur bei ganz komplizierten Zusammenhängen muss Christel Möcker mal helfen: ";Er wurde an der Hüfte operiert, weil sich eine Wachstumsfrage aufgrund des Down-Syndroms nicht geschlossen hatte."; ";Ja";, bestätigt Sören. ";Man hat doch da am Oberschenkel so einen Kopf und eine Pfanne. Da war das.";
Auch die Wochen seiner Bettlägerigkeit hat Sören nicht ungenutzt verstreichen lassen. Wo andere Kids in seinem Alter die Zeit mit Comics oder Fernsehen totgeschlagen hätten, hat Sören das Blockflötenspiel erlernt. ";Meine Mutter spielt Tenor- und C-Flöte";, berichtet er. ";Mein Bruder spielt die Bassflöte und ich habe C-Flöte gelernt. Vor kurzem habe ich eine Barockflöte bekommen, wie meine Mutter eine hat. ";Flöte spielt Sören nicht ";irgendwie";: ";Wenn wir Schulfest haben, tritt Sören mit seiner Flöte auf, und bei kirchlichen Veranstaltungen wie unserer Weihnachtsfeier ist er auch dabei";, sagt Borghild Gläsker. Aufgrund seines Auftretens und seiner Fähigkeiten würde man Sören durchaus einen Job in der freien Wirtschaft zutrauen. ";Doch seine Zukunft wird wohl eher in der Behindertenwerkstätte liegen";, weiß Borghild Gläsker. ";Unsere Schüler sind zwar verantwortungsbewusst, doch ihr Arbeitstempo ist eher behäbig.";
Natürlich würde mancher Unternehmer sie gerne zu einem etwas niedrigeren Gehalt einstellen, aber es gibt ja auch viele Arbeitslose und es existieren Tarifverträge. So ist es kaum möglich für unsere jungen Erwachsenen, in der freien Wirtschaft Arbeit zu finden. Und: Viele brauchen auch in Zukunft noch einen Schutzraum."; Für Sören sei es wichtig, dass er einmal ein selbst gesteuertes Leben führen könne. ";Und einen Job, der ihn auch intellektuell fordert, gibt es auch in der Behindertenwerkstatt.";