Seite an Seite Schule erleben
Von Grenzen, Niederlagen und Erfolgen
Emsdetten (dra) - Der gute Morgen lacht an diesem Montag gleich vier Mal von der Tafel - auf Deutsch, Englisch, Spanisch und Italienisch steht der Gruß in weißen Lettern auf grünem Grund. Nach dem Wochenende haben sich die Kinder viel zu erzählen. Deshalb durften sie in der ersten Stunde ihre Erlebnisse der zurückliegenden beiden Tage im Tagebuch notieren. Nun gilt die ganze Aufmerksamkeit den kleinen Kriechtieren aus dem Terrarium. ";Was fressen Schnecken gern?";
Der Frage von Sonderschullehrer Markus Schelhase soll nicht nur theoretisch nachgegangen werden. Die Jungen und Mädchen der Paul-Gerhardt-Schule setzen auf eine bunte Gemüseplatte. Lebensmittel und Kriechtiere kommen auf den Tisch. Jetzt wird beobachtet. ";Ich glaube, unsere Schnecke mag Löwenzahn";, tippt ein Mädchen. Löwenzahn? Das Wort verursacht bei einem Jungen Stirnrunzeln. Klassenlehrerin Christel Küppers reagiert. ";Das ist eine Pusteblume. Die kennst Du doch."; Der Junge nickt.
Auf den ersten Blick sieht diese Grundschulklasse wie jede andere aus. Auf den zweiten realisiert man die zwei Pädagogen, die die Jungen und Mädchen in Team-Arbeit unterrichten. Mit dem dritten Blick fällt Zivildienstleistender Tim Rösler ins Auge, der mit einer Gruppe gemeinsam die Schnecken beobachtet. In der Klasse 3 a der Paul-Gerhardt-Schule findet Gemeinsamer Unterricht statt - behinderte und nichtbehinderte Kinder drücken Seite an Seite die Schulbank. Nicht immer ist das Handikap der Jungen und Mädchen offensichtlich. Wie schnell oder langsam ein Kind einen Sachverhalt begreift, bleibt demjenigen, der Behinderungen mit optischen Merkmalen verbindet, verborgen.
Seit acht Jahren bietet die Gemeinschaftsgrundschule integrativen Unterricht an. ";Für uns ist er zur Selbstverständlichkeit geworden";, bilanziert Schulleiter Peter Paulsen zufrieden. Wenn er die Unterrichtsform lobt, so weiß er auch um die Schwierigkeiten. Zwei Mal haben die Pädagogen bereits Grenzen des Gemeinsamen Unterrichts erfahren. Die vielen anderen Male, in denen behinderte und nichtbehinderte Kinder dafür voneinander und miteinander gelernt haben, machen diese Niederlagen wett. ";Ich erinnere mich noch sehr gern an einen Jungen mit Down-Syndrom. Er hat bei uns Lesen und Schreiben gelernt. Wie stolz ist er gewesen, wenn er die Hefte an seine Mitschüler verteilen durfte";, lächelt Peter Paulsen.
";Für uns ist wichtig, dass der gemeinsame Unterricht leistbar ist. Also die sinnvolle Förderung sowohl der behinderten als auch der nichtbehinderten Kinder möglich ist";, nennt Christel Küppers das für sie wichtigste Kriterium. Als die Paul-Gerhardt-Schule vor acht Jahren erstmals eine integrative Klasse bildete, herrschten nach Worten der Lehrer ";Idealbedingungen";. 22 Kinder - vier davon mit einem sonderpädagogischen Bedarf. Neben dem Klassenlehrer wurde der integrativen Klasse ein Sonderpädagoge zugeordnet. Sowie - sehr ungewöhnlich und nur durch das Engagement der Stadt Emsdetten möglich - ein Zivi. Heute sieht die Situation anders aus: Die Klassenstärke ist nicht mehr begrenzt, die Wochenstunden des Sonderpädagogen wurden reduziert. Immerhin ist der Zivi geblieben.
Im Schulprogramm hat das Kollegium festgeschrieben, dass die Kinder einer Klasse beim Erreichen der Ziele unterschiedlich weit kommen. ";Das ist an einer Grundschule allerdings auch sinnvoll. Wir sind ein Sammelbecken für Kinder mit den verschiedensten Voraussetzungen, Fertig- und Fähigkeiten";, formuliert Peter Paulsen. Angesichts zahlreicher verhaltensauffälliger Kinder sei es ohnehin unerlässlich, die Unterrichtsstrategien auf die Bedürfnisse der Kinder abzustimmen.
Dass sich der integrative Unterricht nicht nur auf die jeweilige Schulklasse positiv auswirkt, sondern auch auf die gesamte Schulgemeinde, ist für ihn Indiz, dass Kinder den Integrationsgedanken mit Leben füllen. Szenen, bei denen Rollstuhlfahrer nicht nur von Klassenkameraden über den Schulhof geschoben werden, deutet Paulsen als gelebte Integration.
Westfälische Nachrichten Lokales, 19.9.2000