Jenny ist eine große Hilfe
Im Café der Schwartzschen Villa sind Behinderte wichtiger Teil des Personals
VON ANNE-DORE KROHN

Steglitz - Das Tablett trägt Jenny Lau schon mal zum falschen Gast. ";Nein";, sagt freundlich der Herr, an dessen Tisch Jenny steht, ";ich hatte keinen Milchkaffee bestellt";. Die meisten Gäste, die das Café der Schwartzschen Villa am Rathaus Steglitz besuchen, haben für solche Irrtümer Verständnis, denn acht der Angestellten hier sind geistig behindert oder psychisch krank.
Die 28-jährige Jenny Lau hat das so genannte Down-Syndrom. Sie wird sich immer ein wenig tapsig bewegen und lernt langsamer als die meisten anderen Menschen. Dennoch hat sie viel erreicht: Im Café in der Schwartzschen Villa arbeitet sie an fünf Tagen in der Woche. Seit Februar hat sie einen festen Arbeitsvertrag und ist nicht auf Arbeitslosen- oder Sozialhilfe angewiesen wie Beschäftigte in Behindertenwerkstätten.
Auf ihren Beruf ist. Jenny stolz. ";Ich will doch richtig arbeiten und Geld verdienen";, sagt sie bestimmt. Nach der zehnten Klasse hat sie auf einer Lernbehindertenschule eine Ausbildung im Service-Bereich gemacht und im November 1998 als Praktikantin im Café begonnen. Zu ihren Aufgaben gehören Servieren, Spülen und Getränke zubereiten.
Schmaler Grat zwischen Effizienz und Menschlichkeit
";Nur fürs Kassieren braucht Jenny Begleitung";, sagt Lutz Richter, seit 1999 Leiter des Cafés, ";ansonsten ist sie voll einplanbar und eine große Hilfe."; Studentische Aushilfen, Köche und Behinderte arbeiten Hand in Hand. ";Es ist nicht leicht, immer den richtigen Ton zu finden. Schließlich muss auch gearbeitet werden";, beschreibt Richter seine schwierige Situation: Als Chef des Cafés hat er auf Effizienz, als Chef von Behinderten auf Menschlichkeit zu achten.
Betreiber des 1995 gegründeten Cafés sind die Mosaikwerkstätten für Behinderte. Sie setzen sich für Beschäftigungschancen in der Gesellschaft ein. Behindertenwerkstätten sollen eigentlich nur Zwischenstation auf dem Weg zur Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt sein, in der Realität ist das aber oft schwierig.
Zudem bleibt auch die Behindertenförderung. nicht vom Sparzwang verschönt: Das Geld für Betriebshelfer und Betreuer wird immer wieder gekürzt. Das Café in der Schwartzschen Villa bekommt zwar einige Zuschüsse von der Hauptfürsorgestelle, ansonsten muss es sich selbst tragen. Trotzdem läuft der Laden gut, die Mitarbeiter fühlen sich wohl.
Als Jenny ein vollbeladenes Tablett nach draußen tragen möchte, hakt Richter lieber noch mal nach: ";Bist du sicher?"; ";Klar, Chef, klar schaff' ich das";, antwortet Jenny und balanciert die Tassen sicher auf die Terrasse. Unschlüssig steht sie einen Moment zwischen den Tischen. ";Die sind für uns!";, helfen einige Gäste nach, und Jenny serviert ihnen fröhlich ihren Milchkaffee.
BERLINER MORGENPOST - 11.8.2000