Mitleid mit den Behinderten ist fehl am Platz
Bei der ";Pfadi trotz allem"; können Behinderte basteln, spielen und sich austoben.
VON DOMINIK ERNI
";In der PTA machen wir eigentlich dasselbe wie alle anderen Pfadis";, betont Rebekka Plüss, Leiterin der PTA: ";Wir sind viel in freier Natur, machen Naturkunde, morsen, bräteln und tragen auch einen Pfadinamen und eine Pfadiuniform."; Die Behinderten - zwischen 11 und 34 Jahre alt - freuen sich auf die Abwechslung, nach draussen zu gehen, auf das gemeinsame Bräteln.
Natürlich könnten sie nicht den dichtesten Wald durchqueren, mit den Rollstühlen den steilsten Hang hinaufsteigen, erklärt die 19-jährige PTA-Leiterin. Auch auf die Sicherheit wird mehr geachtet, und die Schützlinge brauchen einiges mehr an Aufmerksamkeit. Deshalb kommen auf eine Leitperson auch zwei Behinderte, so Rebekka, die seit drei Jahren PTA-Leiterin ist, seit ihrem Maturabschluss im Granatenbaumgut mit Behinderten zusammenarbeitet und später ans Primarlehrerseminar möchte.
Viel Aufmerksamkeit
Die Pfadis werden jeweils für eine Übung vom PTA-Fahrdienst zu Hause oder in der Schule abgeholt und ins Übungsgelände im Güetli im Hemmentalertal gefahren. Die meisten sind tagsüber im Granatenbaumgut oder in der Neuhauser Rabenfluh. Der Kontakt mit den Eltern ist im Übrigen intensiver als bei anderen Pfadis üblich. Die letzte Übung vor den Ferien wird jeweils mit den Eltern zusammen gestaltet.
Nach dem lauten ";Pfadi trotz allem";-Ruf beim Antreten fühlen sich die Behinderten erst als Pfadis. Die Behinderungen sind sehr verschieden: Es sind körperlich oder cerebral Behinderte oder Menschen mit Muskelschwund, mit Down-Syndrom oder auch nur leichten Entwicklungsrückständen. ";Wir teilen uns deshalb auf und schauen, dass bei den Übungen für jede und jeden etwas dabei ist: Die einen basteln gerne und verrichten konzentriert eine Arbeit, die anderen spielen lieber und wollen sich austoben.";
Bei einigen spricht Rebekka von einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom: Diese Kinder leiden darunter, zu wenig Erfolgserlebnisse zu haben, da sie sich nur schwer konzentrieren können, und dies führe dann oft zu Agressionen. Ein anderer ist hyperaktiv und ruft bei der Ankunft atemlos, was heute geboten werde, rennt aber schon wieder davon, bevor die Leiterin eine richtige Antwort geben konnte. Er tollt gerne in der freien Natur herum und braucht viel Bewegung. Er wurde deshalb übrigens ";Ping-Pong"; getauft. ";Manche sind recht schlau und verstehen mehr, als man ihnen zutraut, und einige wissen ihre Behinderung und unsere Unbeholfenheit gewitzt auszunützen";, lacht Rebekka.
Mit Humor und Fantasie
";Viele haben Mühe im Umgang mit Behinderten";, weiss Rebekka. ";Es braucht einen Anlauf und auch etwas Mut, ihnen klare Anweisungen zu geben."; Bei der Führerauswahl wird deshalb darauf geachtet, dass sie ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen, aber auch diejenigen ihrer PTA erkennen können. ";Mitleid ist aber total fehl am Platz";, betont Rebekka: ";Eigentlich gehen wir gleich auf die Behinderten zu wie auf andere Kinder: Mit etwas Humor und viel Fantasie.";
In erster Linie Pfadi, dann behindert
Bei der ";Pfadi trotz allem"; - kurz PTA genannt - engagieren sich junge Leute das ganze Jahr hindurch für behinderte Mitmenschen.
Als Baden-Powell 1908 die Pfadibewegung gründete und dabei von Chancengleichheit sprach, meinte er auch die Behinderten. Diese Idee wurde beim Aufbau der Pfadi in der Schweiz weiterverfolgt und resultierte in der Gründung der PTA. Die PTA geht von der Grundidee aus, dass Kinder und Jugendliche in erster Linie Pfadi und erst in zweiter Linie Behinderte sind. Sie werden also mit einem Pfadinamen getauft, tragen als Zeichen der Gemeinsamkeit eine Uniform und haben ihren Pfadiruf, mit dem sie sich beim An- und Abtreten begrüssen.
In der Schweiz existieren 20 PTA-Abteilungen mit rund 600 Mitgliedern; in der Abteilung Schaffhausen sind derzeit 13 Mitglieder aus dem ganzen Kanton dabei. Sie sind in der Abteilung im Güetli auf der Breite daheim und halten von dort aus ihre Übungen ab. Die Schaffhauser PTA-Mitglieder sind zwischen 11 und 34 Jahre alt.
Die sieben Personen im Leiterteam sind alle um die 20 Jahre alt. Sie waren teilweise selber in der Pfadi aktiv oder arbeiten auch beruflich mit Behinderten zusammen. Die Mitarbeiter des Teams haben zwar meist keine spezielle Ausbildung für die PTA-Leitung genossen, aber alle haben ein Flair dafür, mit Behinderten zusammen zu sein. (doe.)
Schaffhauser Nachrichten, 06.01.2001