Das Abendland geht nicht mehr dreimal täglich unter

Erziehung zu Toleranz: An einem norddeutschen Gymnasium werden geistig beeinträchtigte Schüler unterrichtet

Von Monika Metzner (Bad Segeberg)

Für Ute Erdsiek-Rave ist es ein ";bewundernswertes Projekt";. Die Kieler Bildungsministerin spricht von ";unschätzbarem Gewinn";, den vor allem diejenigen gut gebrauchen könnten, ";die als zukünftige Eliten unserer Gesellschaft heranwachsen";. Der Gewinn, das ist das Erlernen von ";Toleranz im Umgang mit Menschen, die anders sind";. Und die Rede ist von einer Klasse in Deutschlands wohl einzigem Gymnasium, das drei geistig beeinträchtigte Schüler integrativ unterrichtet.

Die Einrichtung einer so genannten I-Klasse am Bad Segeberger Gymnasium hatte im Sommer 1997 hohe Wellen geschlagen. Es wollte vielen nicht in die Köpfe, dass in einer solchen Schulart einige wissentlich nicht das Abitur, die Studierfähigkeit, anstrebten. Doch seit das anfänglich auf zwei Jahre befristete Projekt - mit dem Segen der Kieler Landesregierung, die die Integration behinderter und nicht behinderter Schüler gesetzlich gebietet - bis zum zehnten Schuljahr verlängert wurde, ist die öffentliche Kontroverse abgeklungen. Und so werden ein Mädchen mit Down-Syndrom, ein stark lernbehindertes Mädchen und ein geistig retardierter Junge im vierten Jahr ";zieldifferent"; zusammen mit Regelschülern unterrichtet.

";Am schlimmsten war die Diskussion im Vorfeld";, erinnert sich Günter Sieh, Leiter des Städtischen Gymnasiums in Bad Segeberg. Aber inzwischen gehe nicht mehr ";dreimal am Vormittag das Abendland unter";, sei auch das Kollegium ";offener, toleranter"; geworden, äußerten sich ";Skepsis und Ablehnung moderater";. Und wo Kritik laut wird, habe sie etwas mit Neid zu tun, wie ein Vater unlängst während eines Elternabends mutmaßte.

Das glauben auch einige Schülerinnen der I-Klasse. Es ärgert sie, dass ";die anderen meinen, wir hätten es leichter, unsere Arbeiten seien nicht so schwer";, was sie vehement bestreiten. ";Aber";, strahlen sie, ";bei uns ist es viel toller als in anderen Klassen. Wir haben keinen Frontalunterricht. Und unsere Lehrer sind sehr engagiert."; Dass sie und ihre Mitschüler es vorziehen, während der Pausen im Klassenraum zu bleiben, erklären sie mit einem Schutzbedürfnis für Sascha: Sie wollten verhindern, dass der auffällige Junge mit seinen Koordinationsstörungen auf dem Schulhof angemacht werde, weil er anderen Schülern gern mal kräftig auf die Schultern klopfe.

Dieser Rückzug hat zur Folge, dass viele der 800 Schülerinnen und Schüler des Städtischen Gymnasiums wenig Ahnung von der I-Klasse haben. In der Abi-Zeitung des vergangenen Jahrs schrieb eine Schülerin: ";Zunächst fällt in dieser Klasse kein Unterricht aus, so wissen die Schüler nicht, wie es ist, sich ein bis zwei Stunden lang in der Pausenhalle zu langweilen. Außerdem haben sie eine ‚Kuschelecke'. Klar wird dann gerne integriert, spätestens ab der siebten, achten Klasse, wenn das andere Geschlecht interessant wird."; Der Schreiberin will es ";partout nicht in den Kopf..., geistig behinderte Kinder in ein System zu integrieren, in dem sie wissentlich gar nicht bestehen können";. Ihr Urteil: ";Diese Art von Integration hat an einem Gymnasium nichts zu suchen.";

Zwar gibt es in der I-Klasse keine Kuschelecke. Aber es gibt einen kleinen Extraraum, in dem die Förderschüler unterrichtet werden, wenn die anderen Latein, Französisch oder Geschichte pauken. ";Interesse am anderen Geschlecht"; ist nicht erkennbar da Mädchen und Jungs es derzeit vorziehen, in Gruppen getrennt zu sitzen. Doch mit 21 Schülerinnen und Schülern ist die Klasse kleiner als andere, und eine Sonderschulpädagogin, ein Referendar und ein Zivildienstleistender unterstützen die Fachlehrer während der 27 Unterrichtsstunden wöchentlich. In der Englischstunde wiederholen die behinderten Schüler auf Deutsch, was die anderen auf Englisch vortragen. In Mathe erarbeiten die einen Aquivalenz-Gleichumgen, während die drei anderen lernen, Gleichgewicht herzustellen, indem sie eine Waage mit bunten Plastikbärchen beladen.

Klar, dass die Idylle dieses offenen Unterrichts nicht immer ungetrübt ist. Wie in anderen Klassen auch gibt es Probleme, seit aus den kindlichen Sextanern pubertierende Quartaner wurden. Drei Schüler kamen nicht mehr zurecht und ließen sich parallel versetzen, während vier, die das Jahr wiederholen mussten, freiwillig die I-Klasse wählten. Klassenlehrer Heiner Kleine musste unlängst ein Gespräch ";unter Männern"; führen, weil die Jungs über Sascha grinsten, statt ihn in seine Schranken zu weisen, als der allzu plump männliche Anerkennung erheischte. Und Sonderschullehrerin Christine Horn musste schlichten, als die Mädchen eine Mitschülerin mobbten; nur Johanna, die Schülerin mit dem Down-Syndrom, hatte das Mobbing-Opfer verteidigt. Kommentar der Mutter eines Schülers: ";Lehrer, die sich derart bemühen, muss man suchen.";

Schulleiter Sieh hat den Eindruck, ";dass die Arbeitszufriedenheit der Lehrer (dieser Klasse) wächst";. Durch Absprachen und das Erstellen von kreativen Konzepten im Team hätten sie zwar viel zu tun, aber es mache ihnen sichtlich Spaß. Hatte er es vor dreieinhalb Jahren gerade mal geschafft, ausreichend Kollegen für das Projekt zu gewinnen, sind inzwischen 16 Lehrkräfte - von 55 - bereit, integrativ zu unterrichten; im nächsten Schuljahr ist die zweite I-Klasse geplant. Enttäuscht ist Sieh von Schulleitungen anderer Gymnasien. Zwar stelle er auf Dienstkonferenzen stets die Integrations-Arbeit vor. ";Doch es gibt keine Anfragen. Niemand will wissen, wie es geht";, klagt der Direktor.

Auch Schulministerin Erdsiek-Rave kann sich den Mund fusselig reden, ohne Erfolg, wie sie erklärt. Zwar verweise sie überall im Land, wenn sie über Integration spreche, auf die I-Klasse in Bad Segeberg. ";Doch das hat nicht dazu geführt, dass andere Gymnasien oder Realschulen gleichziehen."; Andererseits, sagt sie, gäbe es auch keine Anträge von Eltern, die ihre behinderten Kinder in diesen Schularten integrativ unterrichten lassen wollten. Was nicht am Desinteresse liegt, wie Peter Sester meint, Vorsitzender des Segeberger Vereins Lebenshilfe für Menschen mit Behinderungen. Die Eltern wüssten häufig nicht, dass ihre behinderten Kinder auch an einem Gymnasium oder an einer Realschule zieldifferent unterrichtet werden könnten. ";Oder sie werden in Vorgesprächen abgewimmelt"; - mit Hinweis auf die Sonderschule.

Derweil gibt es keine Anzeichen, dass die meisten Eltern der Regelschüler sich für das ";bewundernswerte Projekt"; in Bad Segeberg interessieren. Es dauerte drei Jahre, bis Elternvertreter der I-Klasse erstmals im Schulelternbeirat offen auf das Projekt angesprochen wurden - und auch nur, weil andere Eltern Benachteiligung für ihre Söhne und Töchter befürchteten.

";Es ist richtig";, gibt der Direktor zu, ";dass wir zu wenig dafür gesorgt haben, den Gedanken der Integration in die Schule zu transportieren."; Darum ist demnächst eine Informationsoffensive geplant: öffentliche Veranstaltungen, eine Sitzung des Schulelternbeirats, die ausschließlich Integration thematisiert. Und Oberstufen-Schüler sollen mit der ";Rolle behinderter Menschen in der Gesellschaft und deren Beschulung in der Vergangenheit und heute"; vertraut gemacht werden - auch um vorzubeugen, dass in der nächsten Abi-Zeitung erneut jemand gegen Integration polemisiert.

Schulleiter Sieh hat inzwischen dem Vorwurf vorgebeugt, er würde sich nur um Schwache kümmern. Neben der Integration geistig beeinträchtigter Schüler gibt es am Städtischen Gymnasium seit einiger Zeit zweisprachigen Unterricht für besonders Begabte.