Eltern geistig behinderter Kinder
sind von der
Johann-Michael-Sailer-Schule in Hollerstauden enttäuscht
Ingolstadt (woe) ";Ein behindertes Kind ist dann willkommen, wenn es sich verhält wie ein nichtbehindertes."; Die Frau, die derart über die Ingolstädter Johann-Michael-Sailer-Schule spricht, hätte eigentlich gar keinen Grund zu einem solchen Urteil. Schließlich hätte sie ihr eigenes, mit dem Down-Syndrom geborenes Kind auf die Integrationsschule in Hollerstauden schicken können.
Der eine, stets hart umkämpfte Platz, den die Schulleitung jedes Jahr einem geistig behinderten Kind zur Verfügung stellt, war nach wochenlangem Probeunterricht schon in unmittelbarer Reichweite. Da entschied sich die Mutter überraschend anders: Statt der Johann-Michael-Sailer-Schule besucht das Kind heute eine spezielle Förderschule - mit viel Freude und beachtlichem Erfolg.
Mit ihrer Einschätzung ist die Ingolstädterin nicht allein. Auch andere Eltern mit Down-Kindern, die allerdings alle vergeblich ihr Glück an der Johann-Michael-Sailer-Schule versuchten, sind mittlerweile froh, abgewiesen worden zu sein. Ganz besonders, nachdem zwei Kinder mit Down-Syndrom jüngst wieder von der Schule genommen wurden, eines in der zweiten Klasse, eines in der dritten.
Down-Kinder blieben unbeschäftigt
Die Erfahrungen der Eltern, die zu diesen beiden Entscheidungen führten, machen im Kreis der Betroffenen natürlich die Runde: Dass ein behindertes Kind nicht mit ins Landschulheim genommen wurde, dass Eltern sich bei Gesprächen mit Lehrern massiv angegriffen fühlten, dass die Down-Kinder unbeschäftigt unter ihren Mitschülern saßen, wenn die für sie zuständige Betreuerin krank war, was häufig vorgekommen sei.
An der Johann-Michael-Sailer-Schule, gegründet vom Förderkreis für integrierte Erziehung in Kindergarten und Schule, werden seit 15 Jahren behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam nach dem Montessori-Prinzip unterrichtet. Derzeit besuchen 270 Kinder die Integrationsschule in Hollerstauden. Wie viele davon als behindert gelten, will Schulleiter Peter Freidhoff nicht sagen.
Durchaus etwas zu sagen hat er dagegen zu den Schulaustritten der beiden Down-Kinder. Zumindest in einem Fall macht er zu hohe Erwartungen der Eltern für das Scheitern der Integration verantwortlich. Doch was hatten diese von der Schule erwartet? ";Dass mein Kind betreut wird, dass es gefördert wird und dass es nicht ausgegrenzt wird"; - eigentlich nicht zu viel, was diese enttäuschte Mutter sich vorgestellt hatte.
Schon gar nicht, wenn man wie sie und all die anderen ernüchterten Eltern den hohen programmatischen Anspruch vor Augen hat, mit dem die Johann-Michael-Sailer-Schule antritt. Ihr Träger, der Förderkreis für integrierte Erziehung, bemühe sich in der Region Ingolstadt darum, ";dass behinderte Kinder niemals, also auch nicht mit guten Begründungen auf Zeit, ins Abseits geraten";, schreibt das Vorstandsmitglied Peter Paulig. Der emeritierte Pädagogikprofessor betont in seinen Schriften und Artikeln die zentrale Bedeutung der Integration: ";Das sichere Wissen, in Familie, Kindergarten und Schule dazuzugehören, nicht ausgestoßen, niemals ausgelacht und in ein Getto eingesperrt zu werden - dieses sichere Wissen gibt gerade dem behinderten Kind Geborgenheit.";
Keine Geburtstagseinladung
So weit der Anspruch. Die Wirklichkeit sieht den Schilderungen etlicher Eltern zufolge anders aus. Ihr Kind sei vier Jahre lang kein einziges Mal von Mitschülern auf einen Kindergeburtstag eingeladen worden, erzählt die Mutter einer geistig behinderten Montessori-Schülerin, die sich an der Schule dennoch wohl fühle. Und als sie ihrerseits zwei Mal Klassenkameradinnen einlud, seien diese jedes Mal ausgeblieben.