Durch Kunst bewusstes Sehen lernen

Die Kinder lernen sehen. Sie sehen Einzelheiten und Unterschiede,
lernen Eindrücke zu schildern und können auch Dinge auf ihre Alltagssituation beziehen

Jörg hat das Rundholz in dem Schraubstock fest eingespannt. Mit dem Lineal trägt er sorgfältig sieben Zentimeter ab, greift zur Säge und legt sich dann kräftig ins Zeug, dass die Späne nur so wegsprühen. Im Werkraum der evangelischen Grundschule an der Zastrowstraße sind die Kinder der 3 b eifrig damit beschäftigt, hölzerne Marionetten zu basteln.

Der Junge mit dem Down-Syndrom ist nicht viel langsamer als seine Klassenkameraden und braucht auch nicht viel mehr Anleitung und Hilfestellung als sie. Mit der Feile glättet er behutsam die Bruchkanten, sägt das nächste Stück für den Kopf zurecht. Rasch ist dann auch das bunte Filzstück zurechtgeschnitten und die hölzernen Füße an die Marionette montiert. Kaum sind die Fäden der Drachenfigur befestigt, eilt Jörg voller Stolz in den Flur und man hört nur noch das muntere Klackern der hölzernen Marionettenfüße. ";Überschaubare Arbeiten sind für Jörg überhaupt kein Problem. Da weiß er genau, was er tut";, erzählt die Lehrerin.

Intensivere Betreuung wäre hier auch gar nicht möglich. Neben der Pädagogin ist nur der Zivi Sascha ter Jung im Werkraum, um dem Dutzend Kindern mit Rat und Tat zu Seite zu stehen. Die restliche Klassenhälfte ist im Obergeschoss. Dort malen sie gemeinsam mit dem Sonderpädagogen Martin Strunk furchterregende Ungeheuer aus Wasserfarben aufs Papier. Wo lässt sich sonst schon so problemlos die Klasse teilen wie in Integrationsklassen, selbst wenn es gar nicht um unterschiedliche Leistungsniveaus geht?

Davon profitieren alle. Kunst schult nicht nur die Feinmotorik aller Kinder, sie spielt auch eine ganz wichtige Rolle in der intellektuellen Entwicklung der Kinder, betont die Pädagogin. ";Die Kinder lernen sehen. Sie sehen Einzelheiten und Unterschiede, lernen Eindrücke zu schildern und können auch Dinge auf ihre Alltagssituation beziehen. ";Es gibt Schüler, die durch intensive Arbeit im Kunstunterricht später auch auf anderen Gebieten stark geworden sind. ";Es ist immer eine Frage, wie die Sinne angeregt werden und für was der Schüler besonders empfänglich ist";, erklärt Christel Squarr.

Die Geschichte ";Hanno malt sich einen Drachen"; ist Ausgangspunkt für die Unterrichtseinheit. Hanno ist ein ängstliches Kind. Und plötzlich wird sein gemalter Drache im Tornister lebendig und flößt ihm Mut ein. Das gibt auch den Kindern Kraft.

Grelle gelbe Flammen schießen aus dem Drachenmund. Farbenprächtige Schuppen schützen den Körper. Aggressiv rudert er mit den kraftvollen Flügeln. Einige fliegen, andere kriechen auf der Erde. Bei den Bildern lassen die Kinder ihrer Vorstellungskraft freien Lauf. In der Werkstatt ist das anders.

";Normalerweise arbeite ich mit den Kindern viel freier. Dieses Mal habe ich ihnen die Modelle einfach zu früh gezeigt";, erzählt Christel Squarr. Die Kinder verloren die Lust am Experimentieren. Die meisten haben sich für das Modell und gegen die Phantasie entschieden. Zunächst ist nur Jan einen eigenen Weg gegangen. In einem Haufen krummgesägter Holzstücke findet er ein geeignetes Abfallstück. Für seine Mitschüler ist das bloß wertloser Schrott. Jan sieht darin aber die Grundzüge seines künftigen Drachenrumpfes. Die Konturen müssen nur noch deutlicher aus dem Material herausgeschält werden.

Mit der Säge und der Feile macht sich der Junge begeistert an die Arbeit, klebt dem Tier aus lauter Wollfäden schließlich noch eine zottelige Mähne auf das Haupt und befestigt an langen Schnüren hölzerne Füße. Christel Squarr ist begeistert. Ragulan ist ebenfalls fasziniert und kramt in der nächsten Stunde auch in der Abfallkiste auf der Suche nach einem geeigneten Stück Holz. Jan assistiert ihm nach einer Weile. Doch wie sollen sie bloß den schweren Kopf am Rumpf befestigen? Ein Lederstück bildet schließlich die Verbindung. Gemeinsam findet man irgendwie immer eine passende Lösung. stt