Schritte in die richtige Richtung
Das Ziel ist die Eingliederung von Behinderten in die Gesellschaft -
doch die Schulprojekte in Nürnberg und Schwabach gehen vielen Eltern
nicht weit genug
Von unserem Redaktionsmitglied NGOC NGUYEN
NÜRNBERG/SCHWABACH (NZ). - Die Kinder sitzen auf Stühlen in einem Kreis und grübeln. In der Mitte ist ein Holzhaus aufgestellt, in dessen verschiedene Zimmer die Erstklässler wie in einen überdimensionierten Setzkasten Puppenmöbel stellen sollen. Ein Junge wird aufgerufen, obwohl er sich nicht gemeldet hatte. Die Lehrerin drückt ihm einen Miniatursessel für ein Wohnzimmer in die Hand. Etwas unsicher geht er damit zum Holzhaus und stellt ihn auf den Dachboden. Die anderen Kinder kichern.
Sofort ist zu erkennen, dass diese erste Klasse der Friedrich-Hegel-Schule in Nürnberg anders ist. Da ist das kleine Mädchen mit dem Pferdeschwanz, das das Down-Syndrom hat und schlecht stillsitzen kann; da sind Kinder, die bei Tanzspielen stets eine Drehung zu langsam sind; da sind zwei Lehrerinnen statt einer. Seit Anfang dieses Jahres lernen sieben Kinder mit geistiger Behinderung zusammen mit 22 gesunden Kindern.
Getrennte Leistungsfächer
Aufgeteilt in zwei Klassen, treffen sie sich zum gemeinsamen Unterricht in Musik, Kunst und Sport. In Leistungsfächern wie Lesen, Schreiben und Rechnen werden die Kinder wieder getrennt. ";Integrative Kooperationsklassen"; nennt sich diese sonderpädagogische Lehrform. Der Nachwuchs soll dadurch zu sozialer Offenheit erzogen werden.
Da Kinder gegenüber Minderheiten noch unvoreingenommen und vorbehaltlos seien, müsse mit der Integration von Behinderten so früh wie möglich begonnen werden, erklärt Herbert Kirschner, der Leiter der Hegelschule. Initiatoren des Projekts waren die Eltern der behinderten Kinder. Die begannen bereits mit dem Briefeschreiben an das Kultusministerium, als ihre Sprösslinge noch im Kindergarten waren. Eigentlich wollten sie für ihre Kinder so genannte integrative Klassen, also Klassen, in denen in allen Fächern gemeinsamer Unterricht erteilt wird. In Bundesländern wie Bremen und dem Saarland gibt es solche Schulen bereits. Doch die bayerische Staatsregierung blieb hart.
Leistungen im Vordergrund
";Totale Integration ist nicht der ideale Weg. Wir dürfen nicht kompromisslos integrieren, das ist immer zum Nachteil von jemandem";, betont Dieter Prange, der im Staatlichen Schulamt in Nürnberg für dieses Projekt zuständig ist. Im Vordergrund stünden die Leistungen der Kinder, sowohl die der behinderten als auch die der gesunden. Daher stimmen die beiden Pädagogen, die Sonderschullehrerin Marika Ollet und die Grundschullehrerin Brigitte Staudt, ihre Lehrpläne so oft wie möglich miteinander ab. Was kann zusammen gemacht werden, wo muss die Klasse getrennt werden? Bei dem derzeitigen Leistungsstand ist ein häu figer gemeinsamer Unterricht noch leicht zu organisieren. Da die Kinder jedoch die gesamte Grundschulzeit miteinander verbringen sollen, stellen sich die Lehrerinnen bereits jetzt auf Schwierigkeiten wegen der größer werdenden Leistungsunterschiede ein.
In der folgenden Stunde sollen die Kinder von Papierbögen Möbel ausschneiden und aufkleben. Die Kleinen hocken jeweils zu zweit an den Bänken. Die Lehrerinnen haben darauf geachtet, dass ein behindertes Kind neben einem gesunden sitzt. Ein Junge mit Down-Syndrom klebt die ausgeschnittenen Möbel falsch auf. Einen Arm freundschaftlich um ihn gelegt, erklärt ihm sein Sitznachbar geduldig den Fehler. Die behinderten Klassenkameraden sind sehr beliebt, erklärt Brigitte Ollet. Vor einiger Zeit habe ein Mädchen zu ihr gesagt: ";Es ist gar nicht so leicht, einen Behinderten abzukriegen."; Die Pädagogin hat auch beobachtet, dass in der Kooperationsklasse der große schulische Leistungsdruck kaum vorhanden ist.
Eigenheiten verteidigt
Noch nie hätten sich diese Kinder zum Geburtstag gute Noten oder den Übertritt ins Gymnasium gewünscht, so wie es in den ersten Klassen der Fall sei. Die Kinder würden vor anderen Schülern die Eigenheiten ihrer behinderten Klassenkameraden verteidigen und auch nachmittags spielten sie zusammen. Klassenziel Integration also erreicht?
Hans Wocken, Professor für Pädagogik an der Universität Hamburg, beurteilt das Zusammenlernen und -leben der kooperativen Klassen pessimistisch (siehe Interview). Und vielen Eltern behinderter Kinder geht dieser bayerische Schritt zur Integration längst nicht weit genug. Ulrike Ruppert aus Pommelsbrunn (Kreis Nürnberger Land), Vorsitzende des Vereins ";Gemeinsam leben - Gemeinsam lernen"; und vehemente Befürworterin eines Schulmodells mit einem durchgängig gemeinsamen Unterricht, lehnt kooperative Klassen ab. Diese seien ";nur eine Scheinlösung";, mit der die Regierung die scharfe Trennung zwischen Grund- und Sonderschulen auch weiterhin aufrechterhalten wolle.
Abgespeist
Mit der Zulassung einiger weniger kooperativer Klassen würden Eltern abgespeist, die sich eigentlich Integrationsklassen wünschen. Diesen Vorwurf weist Günter Scharff, Chef der Abteilung Schulwesen der Regierung von Mittelfranken, entschieden zurück. ";Individuell und bedarfsbezogen"; müsse der Unterricht für das jeweilige Kind sein, sagt er. Daher blieben Sonderschulen nun einmal unentbehrlich, Integrationsklassen als allein selig machende Einrichtung seien verfehlt. Bruno Schor vom Staatsinstitut für Schulpädagogik in München sieht in dem Streit um die beiden Modelle einen Kampf der Ideologien.
Er glaubt, dass Eltern behinderter Kinder ihren Nachwuchs oft aus Statusgründen in eine gewöhnliche Schule schicken wollen. Und die Behinderung ihres Kindes erst dann akzeptieren lernen, wenn es in dieser Schule an seine Leistungsgrenzen stößt. Dies sei nicht zum Wohle der behinderten Kinder. Und auch nicht zum Wohle der gesunden.
Auch in Schwabach lernen seit diesem Schuljahr gesunde und geistig behinderte Kinder in einer ersten Klasse zusammen. Der große Unterschied zu dem Nürnberger Projekt: Die gesunden Kinder kommen zum Unterricht in die Förderschule und nicht umgekehrt. Hier ist eine gewöhnliche Grundschulklasse der Zwieseltalschule in Wolkersdorf an das Heilpädagogische Kinderzentrum Lebenshilfe e. V. ausgelagert. Aber auch in Schwabach versuchen die zwei Lehrerinnen, die unterschiedlichen Lernziele im möglichst gemeinsamen Unterricht zu erreichen.
Ein kleines Mädchen hat verkürzte Arme, doch es ist geistig völlig gesund. Ein selbstbewusster Bub dagegen, der sich unaufhörlich meldet, beantwortet die Fragen langsam und in einem nasalen Tonfall. Und als die Kleinen ein Tanzspiel machen, zeigen sich deutliche Unterschiede in Tempo und Auffassungsvermögen. Manche können sich den Liedtext nicht merken, manche sich nicht die Schritte. Gehänselt wird deswegen keiner. ";Mich hat mein Kind noch nie gefragt, warum die anders sind";, erzählt auch Pia Leidner-Humpenöder, deren sechsjähriger Sohn die Kooperationsklasse besucht. Sie glaubt an eine elterliche Pflicht, Kinder zu Toleranz zu erziehen.
Bewusste Entscheidung
Sie und die Eltern der anderen 18 gesunden Kinder hatten sich im September letzten Jahres ganz bewusst für diese Schulform entschieden. Sie wollten darüber hinaus, dass ihre Kinder nicht nur an einer gewöhnlichen Grundschule mit den Behinderten lernen, sondern an einer Sonderschule.
Es ist kein Zufall, dass die Kooperationsklassen gerade an diesen zwei Schulen entstanden sind. Bereits seit Jahren gab es an ihnen Aktivitäten wie gemeinsame Schullandheimaufenthalte oder Faschingsfeiern von gesunden und geistig behinderten Kindern. Und es gab im Laufe der Jahre auf beiden Seiten immer weniger Vorbehalte und Hemmnisse.
In einem Punkt sind sich sowohl die Staatsregierung als auch die Eltern der behinderten Kinder einig: Maßgeblich für den Erfolg der Kooperationsklassen sind die Lehrer. Die Häufigkeit des gemeinsamen Lernens liegt in deren Ermessen und Engagement. Und darum ist Bruno Schor überzeugt, dass eine Verordnung von oben für solche Schulmodelle ";tödlich"; ist.
Nürnberger Zeitung, 21. 02. 2001