Marilyn Monroe ist eindeutig Jennys Lieblingsrolle

Sie ist gelernte Kellnerin, und in ihrer Freizeit steht sie gerne auf der Bühne. Dass die junge Frau trotz ihrer Behinderung so gut in der Gesellschaft verankert ist, hat sie vor allem der Hartnäckigkeit ihrer Eltern zu verdanken.

Von Birgit Loff, Berlin

Die neuen Schuhe sind aus schwarz glänzendem Lack. Nur oben, da haben sie so ein schwarz-gelbes Muster, ganz wie Leopardenfell. Kaum zu Hause nach Feierabend, schlüpft Jenny aus ihren Leopardenschuhen und freut sich, wie schick und trotzdem bequem sie sind bei der Arbeit. Die junge Frau kellnert in einem Café - und sie liebt, sagt ihre Mutter Gisela Lau, "elegante Sachen, ein bisschen glitzerig".

In ihrer Freizeit glänzt Jenny auf der Bühne. Für ihr Leben gern spielt sie Theater, und es darf Goldstaub funkeln auf dem Gesicht, den braun gelockten Haaren und den Schultern. Ob es ihr recht ist, dass man eine Vorstellung besucht? "Ja, cool." Jenny verkörpert einmal Eurydike in der Unterwelt, und beim nächsten Mal tritt sie vielleicht schon als Glamourgirl Marilyn Monroe vor das Publikum. Die Monroe hat es der 29-Jährigen ganz besonders angetan. Vier große Bildbände besitzt sie von ihrem Star. Gelegentlich blättert sie darin, um sich ganz in die Rolle zu versetzen. Der ältere Bruder Bernd hat Jenny eine schneeweiße Federboa geschenkt. Die schmiegt sich um sie, wenn sie als Marilyn ins Scheinwerferlicht taucht. Deren Porträts, koloriert von Andy Warhol, zieren gleich achtfach Jennys Kaffeebecher. Acht Marilyns? Einen Augenblick stutzt die junge Frau und bestätigt dann lächelnd: ";Stimmt, ja, vorne vier und hinten vier."

15 Jahre ist es jetzt her, dass Jenny und ihre Mitschüler, die Eltern und Lehrer demonstriert haben vor dem Schöneberger Rathaus, seinerzeit noch Sitz des Berliner Parlaments. Alle waren sie empört, manche trugen Spruchbänder. Nach sieben Jahren der Integration in einem Kinderhaus, in der Vorschule und in der als Modellschule mit integrativem Zug über Berlin hinaus bekannten Flämig-Grundschule sollte Jenny Lau nun nicht mit ihrer Klasse in die Gesamtschule kommen, sondern künftig in eine Sonderschule für geistig Behinderte gehen.

Viel häufiger noch als heute nannte man Kinder mit Down-Syndrom wie Jenny in den achtziger Jahren ";mongoloid''. Aber das Umdenken hatte begonnen, und eine von der Berliner Schulverwaltung eingesetzte Kommission aus Pädagogen und Wissenschaftlern war einhellig der Auffassung, das Mädchen solle mit ihrer Klasse in die Sophie-Scholl-Gesamtschule überwechseln: Gemeinsam mit der Sonderpädagogin, die wie bisher Jenny und drei weitere, sehr unterschiedlich behinderte Kinder als zusätzliche Kraft in der Gemeinschaft mit anderen Kindern fördern würde. Wenn auch wegen der Leistungen keine Hauptschulempfehlung ausgesprochen werden könne, so die Kommission, solle Jenny zumindest den Gaststatus erhalten.

Aber Berlins damalige Schulsenatorin Hanna Renate Laurien (CDU) machte nicht mit. Sie wollte oder konnte nicht über ihren Schatten springen. Ein bisher geglücktes, allen Beteiligten selbstverständlich gewordenes Miteinander? Die Senatorin, von Hause aus Lehrerin und Schulrätin, ließ wissen, sie halte nichts von ";Sozialmaskottchen'' in der Regelschule. Nur weil das von den Eltern angerufene Gericht einen Formfehler der Schulbürokratie feststellte, kam Jenny doch noch zu ihren Freundinnen und Freunden in die Gesamtschule. Aber schon nach 14 Wochen erhielt sie Hausverbot.

Es folgten zwei Jahre in einer Schule für Lernbehinderte und schließlich - inzwischen regierte in Berlin eine rot-grüne Koalition - noch zwei Jahre Hauptschule mit stundenweiser Unterstützung durch eine Sonderpädagogin. Also kennt Jenny sich ein bisschen aus in den Schultypen. Lesen und schreiben lernte sie mit Hilfe ihrer Freundin Sandra, die jetzt Lehrerin wird. Als Einstieg in den Beruf besuchte Jenny Hauswirtschaftskurse und absolvierte an der Berufsschule den Förderlehrgang im ";Praxisbereich Service".

Der Berufsschulmeister war skeptisch, dann aber imponierte ihm ihr ";Geschick, mit Gästen umzugehen'', wie er ins Zeugnis schrieb. Ein Praktikum absolvierte Jenny in der Schwartz'schen Villa in Steglitz. Seit anderthalb Jahren ist sie dort angestellt. Im Café und im dazugehörenden Garten serviert sie, räumt auf, kassiert auch, wenn nicht zu viel Betrieb ist. Dann kann ihr der Chef mal über die Schulter schauen. Bestellt man sich einen Milchkaffee, fragt Jenny routiniert: ";Mit Zimt, Schokolade oder pur?'' Träger des Cafés ist der Verein Mosaik, einer von etwa 650 Werkstattbetreibern für Behinderte in Deutschland. Vielfach haben sie neben den Werkstätten Unternehmen gegründet, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten, etwa Restaurants, Supermärkte, aber auch Gärtnereien und in Bayern sogar Brauereien.

Die Bilanz soll stimmen, sagt Jennys Chef Lutz Richter, ein gelernter Serviermeister, der sechs Behinderte, einen Koch und Aushilfskräfte während der Saison beschäftigt, ";wir müssen eine schwarze Null schreiben''. Jenny mag ihren Beruf, ihren Chef, die Kollegen, und sie trifft dort auf offene Ohren, wenn sie von den Aufführungen im Theater Rambazamba in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg erzählt, wo Schauspieler mit und ohne Behinderung auf der Bühne stehen. Klar, dass Kellnerkollegen vorbeischauen, weil sie Jennys großen Auftritt einmal miterleben wollen.

Vorgezeichnet schien Jenny ein ganz anderer Weg. Ärzte, die sie nach der Geburt behandelten, waren überzeugt, dass ";so ein Kind unmöglich in der Familie und auch nicht in unserer Gesellschaft leben kann, es würde nur stören'', erinnert sich Gisela Lau. Die Mediziner rieten, das Baby mit der Trisomie 21 - das Chromosom 21 ist bei Menschen mit Down-Syndrom statt doppelt gleich dreifach in jeder Körperzelle vorhanden - lieber gleich in ein Heim zu geben. Dann falle die Trennung weniger schwer.

Keiner der wohlmeinenden Ärzte kannte die Familiensituation - aber es klang so sicher und unumstößlich. Gisela Lau sah sich nach einem Heimplatz um, doch ";da war eine innere Stimme, dass wir keinen Platz finden und es behalten müssen''. Kaum hatte ihr Mann Wolf-Dieter die Tochter nach drei Wochen aus der Klinik nach Hause geholt, war es keine Frage mehr - sie würden ihr Kind nicht weggeben. Es war erst neun Monate alt, da engagierten sich die Eltern schon für ein Kinderhaus für Behinderte und Nichtbehinderte in Berlin-Friedenau. Es sollte kein Sonderkindergarten sein für Jenny - und erst recht keine Sonderschule.

Weshalb den Eltern Lau die Integration so wichtig war, nicht nur für die eigene Tochter? Menschen mit Down-Syndrom lernen ";viel mehr noch als andere durch Nachahmung und brauchen eine ganz normale Welt'', sagt Gisela Lau. Sie freut sich, dass zurzeit zwei Kinder mit Down-Syndrom die Gesamtschule besuchen, in der Jenny noch Hausverbot erhielt.

aus: Stuttgarter Zeitung, 12.07.2001