Wettlauf zwischen internationalen Gen-Forschern
und Craig Venter

Von Gerald Mackenthun, dpa

Berlin/London (dpa) - Als am 6. April die amerikanische Firma Celera verkündete, sie habe die Erbinformation des Menschen ";komplett entschlüsselt";, sah die internationale Human-Genom-Organisation (HUGO) ziemlich blamiert aus. In einer der größten wissenschaftlichen Kraftanstrengung, die jemals stattfand, arbeiten zumeist staatlich finanzierte Forscher an der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, was nach neuster Planung bereits 2001 abgeschlossen sein soll. Celera-Chef Craig Venter hatte behauptet, mit privatem Kapital an den staatlichen Forschern vorbeigezogen zu sein.

An diesem Montag gingen die HUGO-Beteiligten in Berlin in die Offensive. Im Dezember 1999 hatten sie den Aufbau des Chromosoms 22 veröffentlicht, am Montagabend mitteleuropäischer Zeit schoben sie die Basensequenzen des Chromosom 21 auf den Internetseiten der britischen Zeitschrift ";Nature"; nach. Eine Mutation dieses Gens führt zu einer der bekanntesten Erbkrankheiten, dem Down-Syndrom (Trisomie 21) bei der das Chromosom in dreifacher Ausführung in den Zellen vorliegt. Die Forscher hoffen, dass auf dieser Basis zunächst einmal verbesserte Nachweismethoden für Trisomie 21 und andere Erbkrankheiten entwickelt werden könnten.

Ihre Daten sind wesentlich besser als die von Celera, ist sich das internationale Chromosom-21-Team sicher. ";Celera wird mit uns bessere Ergebnisse bekommen";, meint zuversichtlich Helmut Blöcker von der Gesellschaft für biotechnologische Forschung in Braunschweig. Die amerikanische Firma habe bereits angekündigt, die frei zugänglichen HUGO-Daten verwenden zu wollen. Es habe sogar Gespräche mit Celera über eine Kooperation gegeben, berichtete Andre Rosenthal vom Institut für Molekulare Biotechnologie (Jena). ";Glücklicherweise ohne Erfolg, denn Venter wollte weit reichende Einschränkungen bei der Veröffentlichung.";

Von den 225 erkannten Genen des Chromosoms 21 sind in einem wissenschaftlichen Glanzstück 127 eindeutig identifiziert. Der Rest wurde vorhergesagt, weil man entsprechende Startsequenzen gefunden hat. Von den 127 wirklich gesichteten Genen sind 103 bereits in ihrer Funktion bekannt, dass heißt, man kennt das in dem Gen kodierte Eiweiß. 14 Gene sind bekannt als Verursacher von Trisomie 21, Alzheimer, einige Formen der Epilepsie und Autoimmunkrankheiten. Die nächste Aufgabe wird sein, die verbliebenen 98 Gene zu charakterisieren.

Venter klärte den größten Teil der Reihenfolge der genetischen Buchstaben im menschlichen Genom auf. Er kann lediglich die Buchstaben des Codes lesen, erläuterte Burghardt Wittig, Leiter des Berliner Biotech-Unternehmens Mologen. Wo alle Gene auf dem Erbgutfaden liegen und was sie bedeuten ist damit noch lange nicht bekannt.

Bis 1999 konzentrierte sich das staatlich geförderte Human-Genom- Projekt auf die Sequenzierung des menschlichen Genoms, jetzt beginnt die zweite Phase der Funktionsanalyse. Sie wäre noch relativ einfach, wenn ein Gen für ein Protein zuständig wäre und sich das in einem und nur einem Symptom am Körper ausdrücken würde. Die Wirklichkeit ist viel komplizierter, erläuterte ";Nature";-Redakteur Bernd Pulverer.

Gene interagieren miteinander und vermutlich ganze Gengruppen sind für bestimmte körperliche Entwicklungen und Krankheiten zuständig. Neue molekularbiologische Medikamente werden sicherlich wesentlich besser sein und Krankheiten bekämpfen können, die heute noch als unheilbar gelten. Bis dahin würden aber noch Jahre vergehen.

(Achtung: Dazu bietet dpa Hintergründe zum ";Down-Syndrom"; und zu ";Chromosomen"; an.)