Genforscher entschlüsseln zweites Menschen-Chromosom vollständig
Berlin/London (dpa) - Mit maßgeblicher Beteiligung deutscher Geneitker hat ein internationales Team das Erbgut auf dem menschlichen Chromosom 21 vollständig entschlüsselt und erhofft sich damit weitere Erkenntnisse über das Down-Syndrom und andere Krankheiten. Deutsche und japanische Forscher des internationalen Human-Genom-Projekts wollten die Buchstabenfolge des Chromosoms 21 am Montagabend mitteleuropäischer Zeit auf den Internetseiten der britischen Zeitschrift ";Nature"; (www.nature.com/genomics) veröffentlichen. Das Chromosom 21 ist nach dem Chromosom 22 der zweite Träger der Erbinformation, dessen Aufbau im Rahmen des staatlich finanzierten Projekts entschlüsselt wurde.
Auf dem Chromosom 21 liegen schon länger bekannte Gene, die eine Rolle bei Alzheimer, Epilepsie, Autoimmunerkrankungen und Blutkrebs spielen. Die Forscher erhoffen sich von der Erbgutsequenz auch Auskunft über genetische Ursachen von weitere Tumoren, bestimmten Formen von Taubheit und der manischen Depression.
Beteiligte deutsche Forscher sprachen am Montag in Berlin von einem weiteren Schritt hin zur Entwicklung maßgeschneiderter Medikamente, was allerdings noch Jahre dauern werde. Wissenschaftler wie Prof. Andre Rosenthal vom Institut für Molekulare Biotechnologie (Jena) zeigten sich überrascht davon, dass das Chromosom 21 die Bau- Anleitung für nur 225 Gene enthält.
";Die Gesamtgenzahl der Gene des Menschen liegt vermutlich unter 40 000 und nicht bei 100 000, wie bisher vermutet";, sagte Rosenthal. Auf dem 1999 vorgestellten Chromosom 22 befänden sich 545 Gene, so dass mit dem Chromosom 21 jetzt schätzungsweise zwei bis drei Prozent des gesamten menschlichen Genomsatz entschlüsselt sind.
Die mehr als 33 Millionen Bausteine (Basen) des Chromosom 21 seien nun im Umfang von 99,7 Prozent mit 99,99 prozentiger Sicherheit entschlüsselt, sagte Marie-Laure Yaspo vom Max-Planck-Institut für molekulare Genetik Berlin. Nach den Worten von Rosenthal ist das Ergebnis wesentlich besser als die nach wie vor nur in Umrissen bekannten Arbeitsergebnisse ihres Konkurrenten, der amerikanischen Firma Celera und ihrem Leiter Craig Venter.
Rosenthals Einschätzung nach werde Celera nicht in der Lage sein, das selbstgeschaffene Puzzle aus 60 Millionen Genom-Teilchen zusammen zu setzen. ";Er wird Tausende von Fehlern machen."; Das öffentliche internationale Human-Genom-Projekt hingegen werde in wenigen Wochen eine ";Arbeitsvorlage";(Working draft) über 90 Prozent der menschlichen Gene, aufgeteilt in 200 000 Segmente, vorstellen können. ";Mit der Öffentlichkeit verhindern wir, dass Celera Patente auf Gensequenzen anmeldet."; Es bestehe allerdings die fragwürdige Möglichkeit, auf die Funktionsweise von Genen Patente anzumelden.
Staatssekretär Wolf-Michael Catenhusen äußerte die Hoffnung, die staatlichen Zuschüsse für den deutschen Teil des Humangenomprojekts für 2001 und 2002 ";um 50 Prozent"; zu erhöhen. ";Die Unterschrift des Finanzministers habe ich aber noch nicht."; Die Arbeiten am Chromosom 21 seien mit etwa 23 Millionen Mark vom Forschungsministerium gefördert worden, der deutsche Anteil am Genomprojekt bislang mit zusammen 84 Millionen Mark.
Meldung der Deutschen Presseagentur (dpa) vom 8. Mai 2000