Gemurmel unter den Ršcken

Mit dem StŸck «Mongopolis» thematisiert «RambaZamba» die Gendebatte
— und erobert Festivals und BŸhnen

Von Annette Wunschel

«,Normale' Menschen kšnnten dieses StŸck kaum spielen»: Der Hinweis der Regisseurin Gisela Hšhne bewahrheitet sich in der zweistŠndigen AuffŸhrung des ScienceFictionKrimiComics «Mongopolis». Alle Schauspieler sind Menschen mit Behinderungen, meist mit Down-Syndrom. Ihr Theaterspiel Ÿberzeugt, ja erobert das Publikum — und erlaubt nicht einmal mehr die vage Assoziation mit der Schaustellung anatomisch auffŠlliger Menschen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.

Der Verein «Sonnenuhr» und die etwa 50-kšpfige Theatertruppe «RambaZamba» wurden vor dreizehn Jahren gegrŸndet. Nach Frank Castorfs Worten bilden sie heute «das einzige Theater, das ohne Sinnkrise auskommt». Mit bisher vierzehn Produktionen sind die beiden Gruppen (unter der Regie von Gisela Hšhne beziehungsweise Klaus Erfurth) auf gro§en Festivals und BŸhnen aufgetreten: auf den Expos in Lissabon und Hannover, in Wien und ZŸrich, Graz, MŸnchen, Dresden, Hamburg, Leipzig sowie 2003 im Rahmen der Festspiele in Gmunden, am 23. September folgt die Berliner Akademie der KŸnste. Niemand «zeigt» diese Schauspieler, die jenseits ihrer Arbeit in betreuten WerkstŠtten viel Zeit, Kraft und Konzentration aufbringen, um andere Schicksale und Menschen darzustellen. Sie spielen nicht nur mit ansteckender Freude an der Erzeugung starker Bilder und Effekte, sondern auch mit der ebenso ansteckenden Freude am konsequenten Bearbeiten einer komplexen, wichtigen Frage, auf die es auch im Zuschauerraum keine gŸltige Antwort geben kann — und soll.

Die Akteure spielen professionell. Die Wahrnehmung der Zuschauer wird keineswegs allein durch die moralischen Implikationen des Themas bestimmt, sondern vorrangig durch die Strategien des Ausdruckstheaters, durch ein hohes Niveau von ExpressivitŸt, Improvisation und SpontaneitŸt.

Hinter jeder Szene verbirgt sich hartes Training und entwickelte Technik. «Mongopolis» bietet ein kontrastreiches Spiel mit Kšrpern, Videos, elektronischer Musik, Handpuppen, TŸnzen unter «Zerhacker-Licht», wie das Script vorschreibt; es wird viel gemurmelt unter den Ršcken der Schwangeren (das Rauschen der Gendebatte, wohlplatziert), und vereinzelt wird aus Empšrung und Ohnmacht laut geschrieen. Die Spieler agieren, aber sie spielen in allen StŸcken auch sich selbst. Das StŸck «Mongopolis» ist neu fŸr «RambaZamba», weil es von den existenziellen Themen der Gruppe handelt: Es geht um die Genforschung, um den Wunsch, perfekte Kinder und Menschen erzeugen zu kšnnen, es geht um PrŠnataldiagnostik (PND) und PrŠimplantationsdiagnostik (PID), um Menschen als «Material» und «BiomŸll».

Der Titel «Mongopolis» verweist auf Vergangenheit und Zukunft: auf die erst seit den neunziger Jahren tabuisierte Bezeichnung «Mongolismus» fŸr das Down-Syndrom, dem sich mit der PID das so genannte «Down-hunting» als absehbare Zukunft zugesellt hat, und auf «Metropolis», den ersten Science Fiction-Film Ÿberhaupt, in dem Fritz Lang 1926 den alten Konflikt von Oben und Unten, Macht und Elend in die architektonische und soziale Zukunft des Maschinenstaats projiziert hat.

Auch «Metropolis» handelt vom Verbrechen der Perfektion, von der Erschaffung eines Automatenmenschen, dessen listige Pracht die Menschen korrumpiert. Erst Filme wie «Blade Runner» oder «A. I.» haben uns gelehrt, auch Empathie mit den versklavten oder gejagten «Replikanten» zu empfinden. Langs Lšsung war allerdings unpragmatisch und romantisch: Das «Herz» mŸsse «Mittler» sein zwischen «Hirn und Hand». Die «Mongopolis»-BŸhne (von Angelika DubufŽ) lŠsst die Filmarchitektur — Pyramiden, auf Unterwelt-Grund — deutlich anklingen, meidet aber die Betulichkeit der Vorlage. Zahllose christliche Motive, Figuren und Dialoge des StŸcks scheinen sie zu zitieren und werden ebenso oft verworfen, durch jede Geste und jedes Wort der real (und gespielt) behinderten Schauspieler verfremdet und rekombiniert: Gott und Teufel, Lilith und Eva, Adam und seine Nachfahren, Fische und Enten treten auf — aber Gott selbst ist behindert und denkt an Suizid, Adam muss ihn anfeuern, seinen Kindern zu helfen; selbst Lilith hŠlt sich weder an ein christliches noch ein feministisches Drehbuch.

«Mongopolis» setzt mit einer Geburtsszene ein, die rasch in eine Selektion Ÿbergeht. VerfŠhrt durch populŸrgenetische Wunschvorstellungen Ÿberlassen unzufriedene Eltern ihre Kinder dem «Dr. Teufel»: Der grŸnhaarige mad scientist verspricht, das fehlerhafte Kinder-«Material» zu sammeln und daraus «perfekte» Menschen zu machen. Im Gegenzug erhŠlt er vom BŸrgermeisterpaar die Besitzrechte am Wasser der Gemeinschaft. Dreihundert Jahre spŠter (die gebrŸuchlichste Spanne aller Lebenselixier- und LebensverlŠngerungsliteratur) beginnt die kriminalistische Spurensuche.

Ein durch die Galaxien rasender Reporter berichtet von den ZustŸnden auf dem Planeten «Mongopolis», auch ein Kommissar in Tweed untersucht die akute Wasserknappheit und das gehŸufte Verschwinden von Kindern. Doch die Perfektion der «Perfekten» zeigt sich zunŠchst unwiderlegbar — mit ihren vier Armen sind die namenlosen, wortkargen Cyborgs als perfekte SchreibkrŠfte im Dauereinsatz fŸr dasselbe BŸrgermeisterpaar, das ehemals den Pakt mit Dr. Teufel sanktioniert hatte. Ihre Arbeit sichert den Wasserreichtum von «Mongopolis» und ermšglicht dem BŸrgermeisterpaar regelmЧige BŠder im Jungbrunnen. Den perfekten ArbeitskrŠften bleibt dagegen nichts, denn ihr streng rationiertes Wasser wird ihnen schrittweise entzogen. Das Prinzip der Perfektion widerlegt sich erst selbst, als die BŸrgermeisterin durch einen «Downhunter» getštet wird. Sie selbst hatte eine neuerliche verschŸrfte Selektion eingeleitet, bei der die Ÿngstlichen Gesichter der Vierarmigen in gro§en Videoprojektionen gezeigt werden. Die Szene war bei den Proben schwierig, vielleicht, weil sich hier StŸck und Wirklichkeit unmittelbar berŸhren.

Als einzelne «Perfekte», durch den Comic der religišsen Motive aus Reih und Glied getragen, zu sprechen beginnen und vom BŸhnenrand verzweifelte oder freche Hilferufe zur Erde senden: «Nehmt mich, ich bin gro§, ich habe eine Brille, ich mšchte einen Kuss, ich habe eine perfekte Gestalt, nehmt mich auch als Ersatzteil . . . " — da wird die Distanz zwischen Spielern und Publikum kurzfristig aufgegeben. Das Verbrechen wird zwar — wie im Krimi — aufgeklŸrt, dennoch bleibt den Zuschauern der Verdacht, Jean Baudrillard habe womšglich Recht gehabt, als er behauptete: «Das Verbrechen ist nie perfekt, aber die Perfektion ist immer ein Verbrechen.»


Sonderthemen - 14.09.2003 - © Verlag Der Tagesspiegel GmbH