Wenn das Ja-Wort verweigert wird

Behinderte und nicht-behinderte Schüler bringen in Stuttgart "Sommernachtstraum“ auf die Bühne

Bild Sommernachtstraum

BAD CANNSTATT – Die Integration von behinderten Menschen wird überall gefordert. Der Cannstatter Kantor Jörg-Hannes Hahn und seine Frau Ulrike reden nicht nur darüber: Am 15. Juli leiten sie eine Aufführung des „Sommernachtstraums“ von Felix Mendelssohn Bartholdy in der Stuttgarter Wilhelma. Auf der Bühne spielen Gymnasiasten neben Kindern mit geistigen Behinderungen.

König kommt, König kommt!“ In Frack und Zylinder schreitet der Junge über die Bühne des Stuttgarter Heidehof-Gymnasiums. Ein echter Diener eben, wie er im „Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn Bartholdy nötig ist. Doch spätestens als König Oberon auf dem Rollstuhl hereingeschoben wird, wird klar: Das hier ist keine alltägliche Aufführung. Der Junge, der den Diener spielt, hat das Down-Syndrom, der Oberon-Darsteller ist ein mehrfach behinderter Jugendlicher.

Im königlichen Gefolge mischen sich Kinder mit geistiger Behinderung mit Schülern des Heidehof-Gymnasiums. „Wir machen viel für Behinderte, aber viel zu wenig mit ihnen“, erklärt Ulrike Hahn, die Initiatorin des Projekts.

Die Pädagogin hat das Stück auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Akteure umgeschrieben. Seit einem halben Jahr proben 40 Kinder und Jugendliche der Stuttgarter Gustav-Werner Schule und der Bodelschwingh-Schule Göppingen gemeinsam mit den Stuttgarter Gymnasiasten. Begleitet werden sie bei den Aufführungen in der Wilhelma und im Heidehof-Gymnasium vom Bachorchester, dem Chor Cantus Cannstatt und Solisten.

Leiter ist der Cannstatter Kirchenmusikdirektor Jörg-Hannes Hahn, der Erfahrung mit solchen Projekten hat. Zuletzt dirigierte er im Dezember 2003 mit Förderschülern das WeihnachtsOratorium von Bach in der fast ausverkauften Stuttgarter Liederhalle.

Bei den Proben zum „Sommernachtstraum“ geht es weniger besinnlich zu: Zum Takt der Musik stapfen Puck und sein Gefolge mit Getöse in ihren Gummistiefeln über die Bühne, ehe die Elfen ihren lebhaften Reigen tanzen. Dabei lassen sich behinderte und nicht-behinderte Kinder kaum voneinander unterscheiden – mit Ausnahmen: Ein Mädchen hat so viel Freude an den Drehungen, dass es das Schlusszeichen von Ulrike Hahn nicht beachtet und nur der eigenen Choreografie folgt.

„Das gehört dazu“, sagt Dirigent Hahn. „Die Kinder sind sehr spontan.“ So habe bei einer Probe die Darstellerin der Königin die Heirat mit dem König schlicht abgelehnt – obwohl es für den Start des berühmten Hochzeitsmarschs ein klares „Ja“ braucht.  kie

INFORMATION

Karten für die Aufführung am 15. Juli, 20 Uhr, in der Stuttgarter Wilhelma erhältlich unter Telefon 0711-1635321. Am 16. Juli, 20 Uhr, findet die Aufführung im Evangelischen Heidehofgymnasium, Heidehofstraße 49, statt. Karten unter Telefon 0711-480765.

Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg -
10. Juli 2005, 7. Sonntag nach Trinitatis