Frühförderung

Spielend lernen nicht nur zum Vergnügen

Spielend lernen schon die Kleinsten, zum Beispiel, dass die gelbe Holzkugel durch das Loch mit dem gelben Rand passt. So wie der Dreijährige, der sich in der Reihe von Löchern oben im Holzkasten ausgerechnet das mit dem gelben Rand aussucht. Er hilft mit dem Holzhammer nach. Die Kugel füllt auf eine Rampe unter den Löchern und kullert an den Rand. Das geht ein paar Mal so, dann greift der Junge zu einer Spielzeugkamera aus Plastik. Er drückt auf einen blauen Auslöser, der doppelt so dick ist wie sein Daumen. Das Objektiv klappt herunter, heraus schaut ein Clown.

"Er ist ein Frühgeborenes, von daher braucht er Hilfe", sagt die Mutter des Dreijährigen. Deshalb ist der Junge jeden Dienstagvormittag in dem Haus XYZ einer von sechs Kindern im Alter bis zu drei Jahren, um die sich die Frühförderung kümmert. Seine Mutti: "Es ist die beste Möglichkeit, den Kindern spielerisch was beizubringen."

Die Runde aus Kindern, Müttern und Betreuern fängt an zu singen: "Die Katze schlügt die Trommel..." Ein Mädchen umarmt eine Stoffpuppe namens Otto. Ein festes Tagesprogramm gibt es in der Frühfördergruppe nicht. Ein Becken voller Plastikbülle und eine Kletterrampe aus Holzkisten und -platten stehen den Kindern zum Spielen zur Auswahl. Über eine Matte müssen sie klettern, wenn sie von einem Gruppenraum in den zweiten wollen, wo es Kekse gibt.

Nur wenn mit Rasierschaum schmaddern angesagt ist, sagen Leiterin Helga S. und ihre Mitarbeiter den Eltern vorher Bescheid. "Damit sie Reservekleidung mitbringen."

Genauso viel Spaß und Aufräumarbeit bescheren die ungekochten Erbsen, Bohnen und Kastanien, die die Kinder nach Herzenslust durch den zweiten Gruppenraum schmeißen dürfen. Ein Mädchen legt Frau S. Bohnen auf den Kopf. Weitere liegen im ganzen Raum verteilt, unter dem Tisch, neben den Stühlen.

In einem Planschbecken tauchen die Kinder fast in Hülsenfrüchte ein, füllen Töpfe damit und schätten diese wieder aus. Es ist genug da, um den Linoleumboden zuzudecken. Was sagen die Mütter zu dem Schlachtfeld, das wenigstens nicht in ihrer Küche ist? "Das ist doch normal."

Und hat einen tieferen Sinn als nur Vergnügen. Die Kinder lernen zum Beispiel, dass Herumliegendes weh tut, wenn sie barfuß drauf treten. Und dass es was Anderes ist, in einem Haufen Erbsen zu sitzen als im Sandkasten. "Der Reiz auf der Haut", titelt Frau S.

Die Leiterin der Frühförderung setzt bei der dienstäglichen Gruppenarbeit auf Gruppendynamik. Zum Beispiel wenn es um die Bewegung geht, um die Motorik des ungeübten Kinderkörpers. Nicht alle Mädchen und Jungen trauen sich, über die Kisten und Rampen zu klettern. Es sei denn, andere machen es ihnen vor. Das spornt an, es selber auszuprobieren.

An der Gruppenarbeit schützt Inge W., die Mutter der dreijährigen, halbseitig gelähmten Dörte, den Kontakt zu anderen Müttern. "Ich finde es gut, dass man sich austauschen kann. Jeder hat andere Erfahrungen, andere Tipps."

Eine halbe Stunde nachdem die Mütter eingepackt haben, packt Sabine N. aus. In ihrer Plastikkiste sind Handtrommel, Schellenring, Percussion, Teddys, bunte Plastikkugeln, Stifte. Frau N. ist bei der Frühförderung die Frau vor Ort. Ihr Besuch bei Familie S. gilt vor allem der zweijährigen Melanie, die mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommen ist.

Die beiden machen Musik. Frau N. hält die Handtrommel, Melanie schlügt mit dem Trommelstock drauf. "Es ist schwierig, die Trommel zu treffen und nicht meine Finger", sagt die Betreuerin. Melanie kriegt es hin, ohne sanfte Körperverletzung.

"Kinder lernen durch Ausprobieren", sagt Melanies Mutter. "Was passiert, wenn ich irgendwo drauf haue, wie hört es sich an?" Das Töchterchen kratzt über die Trommel. Während Betreuerin und Mutter von dem Ton fast eine Günsehaut kriegen, grient die Zweijährige vergnügt.

"Sie braucht Anregungen", sagt die Mutter über die Tochter. Zum Beispiel, indem Frau N. Melanie einen Kugelschreiber vor die Nase hält. Melanie greift sofort danach. "Ich gebe etwas, lasse es los. Die Hand zum Greifen zu bewegen, gehört zum Lernen."

Hausbesuch statt Gruppe: "Es ist bequemer. Frau N. kommt, ich muss nicht fahren", sagt die Mutter von Melanie. In der Regel sind Betreuerin und Kind allein. "Ich könnte jetzt 'ne Stunde runter gehen, sie würde sich die ganze Zeit selbst beschüftigen", sagt die Mutter.

Melanies Schwester Mirjam (4) will mitspielen. Sie lüuft singend und Becken schlagend durchs Wohnzimmer. Dass Melanie wenigstens zu diesem wöchentlichen festen Termin, eine Stunde lang, ohne die große Schwester sein soll, interessiert Mirjam wenig. "Mirjam geht gleich zu Papa in den Stall", sagt die Mutter, "Neinnn!" das Kind. Die Mutter nimmt ihr die Instrumente weg. Und zieht das weinende Mädchen aus dem Zimmer. Als die drei ohne Mirjam zusammen sitzen, poltert es gegen die abgeschlossene Wohnzimmertür. Die Mutter schmunzelnd: "Sie kann eine richtige Ziege sein."

Die eine Stunde Frühförderung pro Woche und dazu genauso regelmüßig Krankengymnastik reichen Melanie, finden die Eltern. "Auf unserem Hof hat sie genug um die Ohren: Pferde, Leute."

Mit der großen Schwester baut sie Buden. Überhaupt freut sich Melanie, wenn Leute da sind. "Sie ist dann richtig aufgedreht, gar nicht mehr zu bündigen", sagt die Mutter. Deshalb soll sie bei der Frühförderung mit Frau N. allein bleiben. Auch ohne die Mutter: "Am Anfang hat sie sich immer ablenken lassen, wollte ständig zu mir..."

Nach einer Stunde packt Frau N. wieder ein. Instrumente, Teddys und Plastikkugeln kommen in die Kiste zurück. Melanie räumt es gleich wieder aus. Doppelte Arbeit für Frau N.: "Wenn ich da nicht aufpasse..."

rtm, Gifhorn