Konduktive Therapie nach Petö

Konduktive Förderung ist ein ganzheitlicher, komplexer Förderansatz zur Rehabilitation bewegungsgestörter Kinder. Man folgt dem Grundprinzip, nur die notwendige Hilfe zur Selbsthilfe geben, so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Ziel der Behandlung ist eine weitest gehende Selbständigkeit von technischen Hilfsmitteln und von helfenden Personen. Wesentliches Merkmal der Therapie ist, dass die Gesamtpersönlichkeit des Behinderten im Mittelpunkt steht. Die Zusammenführung unterschiedlicher Förderinhalte und Fachkompetenzen vereinen sich in einer Konduktorin, die einzige Bezugsperson ist. Damit soll die Vielzahl verschiedener Therapien und Therapeuten entfallen.(g-m-e)


HINTERGRUND

Leben mit Behinderung erträglich zu machen - mit der "Konduktiven Förderung" kann das gelingen

Von Raimund Schmid

Nichtmedikamentöse Heilmethoden werden in Deutschland seit geraumer Zeit eingesetzt, um Kinder und Jugendliche mit Infantiler Cerebralparese oder spastischen Behinderungen zu behandeln. Besonders bekannt sind vor allem die intensiv- neurorehabilitativen Interventionen nach Kozijavkin aus der Ukraine oder die Konduktive Förderung nach Petö aus Ungarn.

So unterschiedlich die Methoden auch sind, eines hatten alle Ansätze bisher gemeinsam: Es fehlen valide Daten darüber, ob diese Therapiemethoden überhaupt als medizinische Rehabilitationsverfahren angesehen werden können und ob sie wirksam sind.

Deshalb kommt den Ergebnissen des Münchner Modellprojekts Petö, die am vergangenen Wochenende in München nach fünfjähriger Forschungsdauer vorgestellt worden sind, große Bedeutung zu, zumal dies die bislang weltweit größte Studie zur Neurorehabilitation bei Kindern ist, wie Professor Dr. Hubertus von Voß als wissenschaftlicher Leiters der Studie sagte.

Zwar räumte von Voß ein, daß die Bildung einer randomisierten Kontrollgruppe wegen der Heterogenität der Störungen und auch aus pragmatischen Gründen nicht möglich gewesen ist. Trotzdem kann das Forschungsvorhaben nach Ansicht von Professor Dr. Rüdiger von Kries aus München, der das Studiendesign verantwortet hat, als wissenschaftlich aussagefähig angesehen werden. Begründung: Objektive und subjektive Untersuchungsmethoden sind wissenschaftlich fundiert verknüpft worden und die Fallzahl (70 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren) ist so hoch gewesen ist wie in keiner anderen Studie zuvor.

Diese 70 Kinder, bei denen eine spastische Hemiparese oder eine athetotische, ataktische oder spastische Diparese diagnostiziert worden ist, sind in München nach der vom ungarischen Arzt Andras Petö entwickelten Konduktiven Förderung (siehe "Stichwort") in drei vierwöchigen Intensiv-Blocktherapien mit zwei je dreimonatigen Anwendungspausen behandelt worden. Die Ergebnisse:

  • Bereich Lokomaotion und Aufrichtung: Hier haben sich die Mobilität der Kinder im Alltag (bei der Fortbewegung in der Wohnung oder dem Umdrehen und Sitzen), die asymmetrischen Bewegungsabläufe und die (klinisch neurologisch erhobenen) Fähigkeiten auf der stärker betroffenen Seite der Störung signifikant verbessert
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  • Handmotorik: Hier war eine hochsignifikante Verbesserung gerade bei den koordinativen Funktionen und bei der Kraftdosierung nachweisbar. Da 60 bis 70 Prozent der Alltagsaktivitäten über die Hände ablaufen, kommt diesem Ergebnis nach Ansicht von Privatdozent Dr. Rainer Blank, der das Projekt verantwortlich umgesetzt hat, eine ganz besondere Bedeutung zu. Nachgewiesen werden konnte auch, daß die untersuchten Kinder ihre Hände geschickter einsetzen können und in ihren feinmotorischen Fähigkeiten Fortschritte erzielt haben.
  • Funktionelle Orthopädie: Hier waren signifikante Verbesserungen im Bereich der unteren Extremitäten nachweisbar.

Keine Auswirkungen hat die Konduktive Förderung dagegen offenbar auf funktionelle und pathophysiologische Parameter der Fortbewegung und Aufrichtung . Sie kann wohl auch keinen Beitrag dazu leisten, die grobmotorischen Fähigkeiten auf der weniger betroffenen Seite der Störung weiter zu entwickeln. Bei der Handmotorik war zudem keine Verbesserung der elementaren Funktionen nachweisbar. Keine grundlegenden Unterschiede in der Therapiephase im Vergleich zur Therapiepause waren auch bei der Entwicklung der Hüfte und bei psychologischen Faktoren (wie etwa Streß in der Familie) nachweisbar. Verschlechtert hat sich im Verlauf der Studie die Wirbelsäule bei einem Teil der Kinder.

"Plastisch gesprochen", so versuchte Blank in seinem Fazit eine Einordnung vorzunehmen, "fahren die Kinder mit Hilfe der Konduktiven Föderung weiter mit VW, kommen dabei aber zum Teil deutlich besser um die Kurve als zuvor. Das Niveau eines Mercedes werden sie indes nie erreichen können." Oder wissenschaftlich verpackt: "Die Fertigkeiten der Kinder verbessern sich, die neurophysiologisch determinierten Fähigkeiten ändern sich nicht."

Trotzdem sieht es Dr. Johannes Bruns vom VdAK in Siegburg, als realistisch an, daß die Ersatzkassen den Bundesausschuß Ärzte und Krankenkassen davon überzeugen können, die Konduktive Förderung nach Petö künftig als medizinisches Rehabilitationsverfahren anzuerkennen.


STICHWORT

Konduktive Förderung nach Petö

Bei der vom ungarischen Arzt Andras Petö entwickelten Methode der Konduktiven Förderung handelt es sich um ein alltagsorientiertes Integrationskonzept, bei dem Lernen, Therapie und Erziehung so miteinander vernetzt werden, daß alle Lebensbereiche von Kindern, die unter Cerebralparese oder spastischen Behinderungen leiden, ganzheitlich erfaßt werden. Die Behandlung zeichnet sich durch Komplexität, Intensität, Aktivität und Motivation aus.

Die gesamte Förderung der Kinder wird von festen Bezugspersonen (den sogenannten Konduktorinnen) umgesetzt, für die bislang in Deutschland allerdings noch kein einheitliches und anerkanntes Berufsbild existiert. (ras).


KOMMENTAR

Bundesausschuß ist nun am Zug

Von Raimund Schmid

Mit großer Spannung waren die Ergebnisse der Münchner Petö-Studie seit Monaten nicht nur von Eltern mit cerebralgeschädigten Kindern, sondern gerade auch von Ärzten oder Krankengymnasten erwartet worden. Dies vor allem deshalb, weil die Konduktive Förderung nach Petö trotz ihrer beachtlichen Erfolge wissenschaftlich nicht anerkannt gewesen ist.

Aus diesem Grund haben tausende von Eltern viel Zeit und Geld investiert, um für ihre Kinder in Ungarn eine adäquate Betreuung sicherstellen zu können. Vor allem die Eltern waren es, die die Wissenschaftler dazu getrieben haben, in einem sechs Millionen DM teuren Forschungsprojekt hierzulande Antworten auf viele ungeklärte Fragen zu finden, räumte Studienleiter Professor Dr. Hubertus von Voß bei der Präsentation offen ein.

Zwar konnten in der Studie nicht alle Fragen eindeutig geklärt werden. So ist es zum Beispiel rätselhaft, warum gerade die Fortschritte bei der Grobmotorik nicht so überzeugend nachgewiesen werden konnten wie zum Beispiel bei der Handmotorik oder bei der Verbesserung der Alltagsfunktionen. Vielleicht liegt des Rätsels Lösung aber darin, daß Fortschritte gerade bei der Grobmotorik erst über einen Zeitraum von Monaten oder gar Jahren erzielt werden können und nicht bei einer Blocktherapie von lediglich drei Monaten.

Zudem konnten in dem Forschungsprojekt gar nicht alle Parameter (etwa die Motivationsfähigkeit) untersucht werden, die zum Erfolg eines solchen ganzheitlichen Ansatzes beitragen. All dies würde auch erklären, daß die Ergebnisse aus der Praxis, über die Eltern und Ärzte in München berichtet haben, zum Teil besser ausfallen als in der Münchner Studie.

Trotzdem dürften die neuen rein wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dem Petö-Modellvorhaben ausreichen, um auch den Bundesausschuß Ärzte und Krankenkassen von den Vorteilen der Konduktiven Förderung zu überzeugen. So ist die Petö-Studie vom VdAK in Auftrag gegeben worden und wird von diesem wohl auch nachhaltig vertreten werden, da der VdAK die Daten als gut und valide ansieht. Entscheidend für die Anerkennung als medizinisches Rehabilitationsverfahren dürfte es aber vor allem sein, daß die medizinisch-therapeutischen Komponenten im Gegensatz zum Vorbildmodell in Ungarn eine weit größere Rolle spielen als der pädagogische Anteil der Methode, der laut Studie lediglich bei 18,6 Prozent liegt.

Zu hoffen ist jetzt nur noch, daß die Kassen nicht noch ein oder gar zwei Jahre vergehen lassen, bis sie dem Bundesausschuß die Studie vorlegen, der dann über ein schlüssiges Erstattungs-Konzept zu befinden hat. Zu lange schon haben Betroffene und Ärzte auf dieses Signal aus München gewartet. Es ist also weiter für Spannung gesorgt.


Ärztezeitung - 03.07.2001