Psychotherapie
für Kinder mit (Down-Syndrom oder anderen) Behinderungen

In einer der letzten Mitteilungen (Oktober 2003) war bei der Beschreibung von "Therapien für Kinder mit Down-Syndrom - ein unübersichtliches Riesenangebot?" u.a. ein kurzer Verweis auf Psychotherapie enthalten. Dazu der Hinweis, dass es "viele unterschiedliche Ansatzmöglichkeiten" gibt, die "noch mal einen Artikel füllen könnten". Abschließend hieß es: "In erster Linie ist oft eine verhaltenstherapeutische Behandlung angesagt." Damit wird die kurze Beschreibung beendet.

Ich staune immer wieder über den Hinweis auf eine verhaltenstherapeutische Behandlung als Mittel der Wahl bei einer Therapie für Kinder mit Behinderungen oder sonstigen Einschränkungen. Gewiß spielt dabei meine eigene Ausbildung als Psychoanalytiker und mein Erleben als Vater einer Tochter mit Down-Syndrom eine Rolle.

Der Verwies auf die Verhaltenstherapie wirkt auf mich entlastend für die Eltern. Das Kind soll sein Verhalten ändern und damit haben es dann alle leichter im Umgang mit dem Kind. Ist das die dahinter stehende Idee? Unerwünschtes Verhalten könnte durch einen konsequenten und klaren Umgang eingeschränkt, verändert werden. Damit wird klar und eindeutig festgelegt: das Kind (mit Behinderung) hat sein Verhalten im möglichen Maße zu verändern und alle wären erleichtert. Wunderbar.

Und dieser Rat wird Eltern von Kindern mit Behinderung gegeben. Wieso gehen diese Eltern nicht auf die Barrikaden? Gerade dieser Elterngruppe ist doch aus eigener Erfahrung klar, dass ihr Kind kein Hindernis für die Umwelt ist, sondern die Umwelt das Kind behindert! Und seelische Krankheit im Sinn zur Notwendigkeit einer Psychotherapie wird reduziert auf das Verhalten des Kindes und nicht der Umwelt.

Es kommt mir so vor, als solle das Kind mit Behinderung und damit einem potentiellen gesellschaftlichen Störfaktor mit Hilfe einer Verhaltenstherapie gesellschaftskompatibel bzw. familienkompatibel gemacht werden. Diese Beschränkung auf das Verhalten des Kindes ist aus meiner Sicht eine Verletzung der Würde des Kindes und seiner Eltern.

Aus psychoanalytischer Sicht: mit der Sichtweise aus verhaltenstherapeutischer Perspektive wird dem Kind mit Behinderung und seiner Familie erneut eine Kränkung zugefügt, die das Selbstbewußtsein aller Beteiligten beeinträchtigen kann. Dieses Argument wird gern auch gegen die psychoanalytische Haltung verwendet, weil diese die Verantwortung aller am Miteinander Beteiligten für ihr Tun benennt. Somit ist auch das Handeln der Eltern mit verantwortlich für die Beziehungsgestaltung. Diese wohlwollende Verständnishaltung sucht die Motivationen des jeweiligen Handelns auf dem Hintergrund eines subjektiven Erlebens.

Kinder mit Behinderungen benötigen wie andere Kinder auch Fähig- und Fertigkeiten, um im Leben klar zu kommen. Beeinträchtigt die Behinderung das Wachstum 'normalerweise' vorhandener Talente, kann im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten und Grenzen sicher die eine oder andere Fähig- und Fertigkeit erworben werden. Dafür gibt es diverse (in dem Artikel beschriebene) Therapieformen.

Eine Psychotherapie beinhaltet auch das Wachstum neuer Fähig- und Fertigkeiten. Doch Psychotherapie bezieht sich auf das (Er)-Leben von Beziehungen. Und die sind gerade bei einem Kind mit Behinderung und seinen Eltern sehr individuell ausgeformt. Das Beziehungserleben ist von früh auf zwischen Eltern und ihrem Kind mit Behinderung vielerlei Einflüssen ausgesetzt. Neben der sich besonders ausgestalteten Beziehung aufgrund der Behinderung mit all ihren Auswirkungen auf das elterliche Erleben sind von früh an häufig Dritte in Form von Helfern mit in die Beziehungsgestaltung involviert. Ich kann nur neue Beziehungserfahrungen machen, wenn sich das Drumherum um mich mit verändert. Psychotherapie mit analytischer Haltung bezieht das gesamte Beziehungsumfeld und vor allem die subjektiven Erlebenswelten aller am gemeinsamem Erziehungs- oder besser: Beziehungsprozeß des Kindes mit ein. Dazu gehören natürlich die Eltern einschließlich ihrer Erlebens- und Sichtweise ihres Kindes und der sich auch für sie veränderten Situation. Diese Perspektive ist mit dem Erleben und Umgang von und mit Behinderung auf einem eigenen biographischen Hintergrund individuell geprägt. Nur die Einbeziehung dieses Erfahrungshintergrundes der Eltern mit den sich daraus ergebenden Handlungsweisen ihres 'besonderen Kindes' kann das subjektiv geformte Beziehungsverhalten des Kindes verständlich werden lassen. Erst dadurch wird das subjektive Erleben des Kindes aus Sicht des Kindes nachvollziehbar, lassen sich Handlungen und Verhaltensweisen des Kindes nachvollziehen.

Möglicherweise ist das Symptom ja nicht nur 'unerwünschtes Verhalten', sondern vielmehr ein bisher unverstandener Ausdruck des Kindes, um seine innere Situation der Umwelt mitzuteilen. Das Kind hat eine innere Welt, aus der heraus es die Welt um sich herum erlebt, bewertet, mit ihr umgeht. Diese eigene Welt ist individuell und kann nicht an Verhaltensnormen und zu erreichenden Verhaltenszielen definiert werden. Mir kommt es so vor, als soll dadurch die Besonderheit der Behinderung als Erfahrungs- und Erlebenswert ausgeblendet werden. So kann sich die Umwelt vor ihrem eigenen Erleben, dem Schmerz, der Freude, dem Leid usw., des Kindes mit Behinderung schützen. Dadurch wird die Auseinandersetzung mit sich und dem Kind verhindert, Beziehungswachstum verunmöglicht. Alles soll innerlich bleiben wie es ist, aber äußerlich verändert werden. Die innere Normalität wird zur Plattform, von der aus die Behinderung weiterhin betrachtet wird. So werden weiterhin Äpfel mit Birnen verglichen.

Der Verweis auf Verhaltenstherapie nährt die Illusion des Machbaren und verhindert damit eine Auseinandersetzung mit dem 'So-ist-es', mit den Grenzen und Möglichkeiten des Seins. Damit tritt eine 'Beziehungsbehinderung' ein, die dem jeweiligen individuellen Miteinander von Eltern und ihren Kindern mit Behinderung nicht gerecht wird.

Möglicherweise ist das Bild vieler Menschen von einer psychoanalytischen Behandlung immer noch auf das Klischee vom Bild mit Couch festgelegt. Der Reichtum und die Lebendigkeit einer psychoanalytischen Therapie liegt in der neuen Beziehungserfahrung, in dem Miteinander von Kind und Therapeuten. So kann sich eine oftmals festgefahrene Beziehung neu ent-wickeln und neu ausgestalten mit Erfahrungschancen für Eltern und Kinder. Oftmals ist es einfach die Unwissenheit über Behinderung oder auch über Therapieformen, die den Umgang mit sperrigen Begriffen, dem Fremden, erschwert. Insofern sollten Eltern meiner Meinung nach die Möglichkeit nutzen, sich vor Aufnahme einer Psychotherapie im Rahmen der Erstgespräche bei Therapeuten und Therapeutinnen unterschiedlicher Fachrichtungen zu informieren. Diese Möglichkeit ist durch den Direktzugang mit der Versichertenkarte zu Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten gegeben. Zugelassene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten haben entweder eine verhaltenstherapeutische oder eine tiefenpsychologische und /oder analytische Ausrichtung. Schließlich basiert die Chance auf eine Verhaltensveränderung auf dem Erleben und Vertrauen in eine Beziehung!

Harald Bussenius
ist in Braunschweig als analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
niedergelassen und Mitarbeiter einer Erziehungsberatungsstelle.
Die jüngste (geb. 2001) Tochter seiner drei Kinder hat das Down-Syndrom.